Großbritannien kehrt zurück: Nicht nur auf der internationalen Bühne Seite an Seite mit Deutschland und Frankreich, sondern auch akademisch. Das Vereinigte Königreich wird ab 2027 wieder am Erasmus-Programm teilnehmen. Während konservative Tories darin einen Verrat am Brexit sehen, setzt die Regierung unter Keir Starmer ein klares Signal: In Zeiten globaler Konflikte zählen (wissenschaftlicher) Austausch und Zusammenarbeit mehr als nationale Souveränität.
Mit dem Brexit verabschiedete sich Großbritannien 2020 nicht nur aus der Europäischen Union, sondern auch von seinen Erasmus-Partnerländern. Der damalige Premierminister Boris Johnson argumentierte, die Teilnahme am Programm halte das Land zu sehr unter der Kontrolle Brüssels; zu wenig eigene Kontrolle und zu hohe Ausgaben für den britischen Steuerzahler. Stattdessen etablierte die Regierung mit dem Turing-Scheme, ein eigenes nationales Austauschprogramm, das Mobilität fördern sollte.
Gefördert wurden allerdings ausschließlich Studierende an Institutionen in Großbritannien oder den britischen Überseegebieten, die einen Teil ihrer Ausbildung im Ausland absolvieren wollen. Dabei war Großbritannien vor seinem Austritt aus dem Erasmus-Programm eines der beliebtesten Zielländer für Studierende: Die Zahl der Austauschstudierenden, die an einer britischen Hochschule studierten, übertraf die Anzahl an britischen Studierenden, die für den Teil ihres Studiums ins Ausland gehen, deutlich.
Kampf um Studierende
Diese Zahlen sind mehr als nur Statistik, sie zeigen, wie die Attraktivität britischer Hochschulen zum internationalen Ansehen des Landes beitragen. Mit dem Wegfall des Erasmus-Programms jedoch verloren die Universitäten einen wichtigen Kanal, um junge Talente anzuziehen und zu vernetzen. Heute kämpfen Hochschulen in ganz Europa um Studierende. Die Zahl der Studierenden bedeutet nicht nur direkte Einnahmen für Forschung und Lehre, sondern auch Einfluss. Wer internationale Talente anzieht, stärkt Image, Innovationskraft und die Position des Landes im globalen Bildungswettbewerb.
Die besseren Zugangsbedingungen zu höherer Bildung und die offenen Grenzen haben die jungen Menschen in eine bequeme Position gebracht: Sie können sich ihren Studienstandort viel kritischer aussuchen. Ruf, Praxisnähe, Studienbedingungen und internationale Netzwerke sind oftmals ausschlaggebend für die Wahl der Hochschule. Darüber hinaus haben die traditionellen Universitäten durch die wachsende Anzahl an privaten Hochschulen, Fachhochschulen und Online-Programmen ordentlich Konkurrenz erhalten. Wer in diesem Umfeld internationale Austauschformate verliert, verliert Sichtbarkeit und Attraktivität.
Mehr als Mobilität
Der wissenschaftliche Alleingang Großbritanniens war daher nichts mehr, als ein politisches Experiment. Denn Erasmus ist mehr als ein Austauschprogramm zur Förderung der internationalen Mobilität von Studierenden. Es umfasst Hochschulen, berufliche Ausbildung, Lehrenden- und Dozentenaustausch, Praktika, Sprachförderung und langfristige Partnerschaften zwischen Institutionen. Vor allem aber ist es ein Netzwerk. Menschen, Ideen, Wissen und Kulturen werde über nationale Grenzen hinweg verbunden.
Wenn junge Menschen erfahren, dass Bildung und Mobilität selbstverständlich grenzüberschreitend sind, entstehen auch keine Grenzen in den Köpfen. Austausch fördert interkulturelle Kompetenzen und Perspektivwechsel sowie die Fähigkeit, sich in Menschen anderer Kulturen und Herkunft hineinzuversetzen. Eigenschaften, die gerade in Zeiten von globalen Konflikten entscheidend für stabile Beziehungen sind.
Wissenschaftsdiplomatie für globale Herausforderungen
Angesichts wachsender politischer Spannungen und einer zunehmend unberechenbaren internationalen Lage, nicht zuletzt im Verhältnis zu langjährigen Partnern wie den USA, gewinnt die Wissenschaftsdiplomatie als Zusammenarbeit an Bedeutung. Wissenschaftsdiplomatie bedeutet, wissenschaftliche Kooperation gezielt als Instrument internationaler Beziehungen zu nutzen. Sie kann Dialog eröffnen, wo politische Diplomatie an ihre Grenzen stößt und außerdem Erkenntnisse liefert, die politische Entscheidungen beeinflussen können. Denn wissenschaftliche Netzwerke überdauern Regierungen und politische Krisen. Sie ermöglichen Kooperation bei globalen Herausforderungen wie Klimawandel, Pandemien oder technologische Entwicklung.
Programme wie Erasmus können deshalb wirksame Mittel der Wissenschaftsdiplomatie sein. Sie schaffen Vertrauen, Verlässlichkeit und langfristige Partnerschaften. Durch Erasmus zeigt die Europäische Union Offenheit und Innovationskraft. Und Großbritannien erkennt nun erneut den strategischen Wert dieser Verbindung.
Für Großbritannien bedeutet die Rückkehr zu Erasmus daher nicht nur praktische Vorteile für Studierende und Hochschulen, sondern auch politische Weitsicht. Kooperation wird nicht länger als Aufgabe der eigenen Souveränität verstanden, sondern als wesentliches Element einer Außen- und Wissenschaftspolitik. In diesem Sinne ist die Rückkehr ein Signal: Bildung und Wissenschaft sind keine Optionen, sondern Voraussetzungen für politische Stabilität.