Marx geht Woelki die zweite Meile voraus

Was Kardinal Woelki nicht schafft, das macht ihm sein Amtsbruder in München jetzt vor: Er bietet dem Papst seinen Amtsverzicht als Erzbischof an. Jetzt gilt auch institutionell, was theologisch schon immer galt: Um das Richtige zu tun, braucht es keinen juristischen Nachweis, sondern das freiwillige Mitgehen der zweiten Meile. Auch in Köln.

Manfred Richter auf Pixabay

Angelehnt an ein Jesus-Wort kann man sagen: Kardinal Marx geht die zweite Meile mit, zu der er nicht gezwungen wird. Die Soldaten der römischen Besatzungsmacht konnten zu Jesu Zeiten jeden jüdischen Zivilisten zwingen, eine Meile mit ihnen mitzugehen und die schwere Ausrüstung zu schleppen. Jesus wirbt dafür, nicht auf seinem Recht zu bestehen, nur eine Meile mitzugehen, sondern freiwillig mehr zu tun als man müsste (Matthäus 5,41). Kardinal Marx schreibt:

„Um Verantwortung zu übernehmen reicht es […] nicht aus, erst und nur dann zu reagieren, wenn einzelnen Verantwortlichen aus den Akten Fehler und Versäumnisse nachgewiesen werden, sondern deutlich zu machen, dass wir als Bischöfe auch für die Institution Kirche als Ganze stehen. Es geht auch nicht an, einfach die Missstände weitgehend mit der Vergangenheit und den Amtsträgern der damaligen Zeit zu verbinden und so zu ‚begraben‘.“

Mit seinem Rücktrittsangebot und dessen Begründung tut Marx mehr, als ein Gutachten zu beauftragen, das aus juristischer Sicht auf Basis von Akten darstellt, ob er rechtlich nachweisbar Schuld auf sich geladen hat – so geschehen im Erzbistum Köln. Ein von Kardinal Woelki beauftragtes juristisches Akten-Gutachten einer Kanzlei entlastete ihn auf Basis unvollständig und chaotisch geführter Akten. Der Erzbischof von Hamburg, Stefan Heße, früherer Generalvikar von Köln und mehrere noch lebende hohe Würdenträger im Erzbistum Köln wurden dagegen schwer belastet, boten ihren Rücktritt an oder wurden von Woelki entlassen.

Seitenhieb nach Köln

Kardinal Marx‘ Hinweis auf frühere Amtsträger, deren Missstände man nicht „begraben“ dürfe, muss man wohl als Anspielung auf den 2017 verstorbenen Kardinal Joachim Meisner sehen. Das Kölner Missbrauchsgutachten hatte Woelkis Amtsvorgänger als Erzbischof von Köln schwer belastet. Woelki war seit den 1990er-Jahren ein enger Vertrauter Meisners, hatte als dessen „Ziehsohn“ gegolten. In Bezug auf Meisners Einschätzungen und dessen Umgang mit sexuellem Missbrauch in Köln hatte sich Kardinal Woelki unmittelbar nach der Vorstellung des Gutachtens im März öffentlich von seinem bis dahin verehrten und geschätzten Vorgänger distanziert. Das ist zwar einerseits verständlich, aus kirchentheologischer, ekklesiologischer Sicht aber unlogisch. Die Kirche hat ein starkes Institutionenverständnis, als eine die Zeit überdauernde Gemeinschaft von Lebenden und Toten. Warum sollte man dann gerade das Thema Schuld individualisieren dürfen?

Mehrere Teile von Marx‘ Brief an Papst Franziskus vom 21. Mai und seine Stellungnahme von diesem Freitag lassen sich als Aufforderungen an Kardinal Woelki lesen, auch wenn Marx den Kölner Erzbischof nicht ausdrücklich oder namentlich erwähnt – das braucht er auch gar nicht. Es stand und steht dem Kölner Erzbischof und anderen Amtsträgern nach wie vor frei, ohne den Nachweis von juristisch belegbaren sog. „Pflichtverletzungen“ dem Papst den Rücktritt anzubieten. Woelki könnte noch die zweite Meile gehen, eben nicht auf sein Recht, sein Amt, seine Machtposition bestehen. Kardinal Marx macht das mit seinem Amtsverzicht sehr deutlich. Denn aus juristischer Sicht gibt es bisher keine zwingenden Gründe für Kardinal Marx, auf sein Amt als Erzbischof zu verzichten. Aus christlicher Sicht, biblisch und theologisch gedacht, ist sein Rücktritt allerdings gut zu rechtfertigen – nicht nur wegen der zweiten Meile. Marx gibt selbst mehrere biblische Hinweise. Zum Beispiel beginnt er seinen Brief an den Papst mit einer theologischen Deutung seines Rücktrittsgesuchs im Lichte der Kirchenkrise. Die Kirche sei an einem „toten Punkt“, der mit „österlicher Hoffnung“ zu einem Wendepunkt werden könne: „Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer es verliert, wird es gewinnen!“, schreibt der Kardinal in Anlehnung an ein Jesus-Wort (Matthäus 10,39) unmittelbar vor seiner Bitte an den Papst, seinen Amtsverzicht anzunehmen.

Man könnte übersetzen: Wer sich mit aller Kraft an sein bischöfliches Amt klammert, anstatt zurückzutreten, der wird die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch behindern und blockieren, den Betroffenen und Opfern weiterhin Gewalt antun. Wer seine eigene Person auf einer der höchsten kirchlichen Machtpositionen für wichtiger hält als dass den Betroffenen Gerechtigkeit widerfährt, der wird die Krise der Kirche verschärfen, Glaubwürdigkeit und Vertrauen weiter zerstören.

Verantwortung anstatt Verwaltung

Reinhard Marx hat auch verstanden, dass Missbrauch sich nicht mit Akten aufarbeiten lässt, wie er in seiner Stellungnahme von diesem Freitag schreibt:

„Mit Sorge sehe ich, dass sich in den letzten Monaten eine Tendenz bemerkbar macht, die systemischen Ursachen und Gefährdungen, oder sagen wir ruhig die grundsätzlichen theologischen Fragen, auszuklammern und die Aufarbeitung auf eine Verbesserung der Verwaltung zu reduzieren.“

Die Aufarbeitung braucht die Übernahme persönlicher Verantwortung, nicht Effizienzsteigerung auf Verwaltungsebene. Das Leid der Betroffenen, verstärkt und wiederholt durch das Schweigen und die Fehler der Institution im Umgang mit bekannt gewordenen Missbrauchstaten kann nicht weg-verwaltet werden. Missbrauch und dessen Aufarbeitung sind gerade keine, womöglich lästigen, „Themen“, die die vermeintlich „eigentlichen“, etwa theologischen Glaubensthemen verdrängen. Vielmehr treffen sie den Kern des christlichen Glaubens und der Botschaft Jesu, seine „Themen“: Wie kommen Opfer von Gewalt und Unterdrückung zu ihrem Recht? Wie gelingen Annäherung und Frieden zwischen zerstrittenen Gruppen? Verstrickung in Schuld und Sünde, die Unterscheidung von Tätern und Opfern, Verzeihung, Vergebung, Versöhnung. Auf solche und weitere „grundsätzliche theologischen Fragen“ spielt Marx hier wohl an. Er sei einmal von einem amerikanischen Reporter mit Blick auf die Missbrauchskrise gefragt worden: „‚Eminence, did this change your faith?‘ Und ich antwortete: „‚Yes!‘“

Aufarbeitung braucht Systemwechsel

Marx versteht sich als Teil des „Systems“ Kirche, das die Aufarbeitung von Missbrauch an entscheidenden Stellen verunmöglicht, blockiert und erschwert. Wie bei den allermeisten höheren kirchlichen Amtsträgern darf man davon ausgehen, dass auch Marx im Umgang mit Missbrauch keine weiße Weste hat. Er schreibt selbst, er wolle Verantwortung übernehmen, und zwar sowohl für eigene Fehler als auch „für die Institution Kirche, die ich seit Jahrzehnten mitgestalte und mitpräge“. Damit spricht er in Bezug auf Fehler im Umgang mit Missbrauch endlich in der 1. Person Singular. Dieses Eingestehen und Bekennen ist in der christlichen Praxis von Schuld und Sünde auf dem Weg zu Vergebung und Versöhnung wichtig.

„Nach der von der Deutschen Bischofskonferenz beauftragten MHG-Studie habe ich in München im Dom gesagt, dass wir versagt haben. Aber wer ist dieses ‚Wir‘? Dazu gehöre ich doch auch. Und das bedeutet dann, dass ich auch persönliche Konsequenzen daraus ziehen muss. Das wird mir immer klarer.“

Marx belässt es aber nicht bei Worten, sondern geht einen gewichtigen Schritt. Den Rücktritt vom Amt als Erzbischof wird er nicht leichtfertig als bloßes Druckmittel einsetzen, um eine Rücktrittsforderung an den Kölner Mitbruder zu senden. Es wäre auch unlogisch zu unterstellen, Marx wolle mit diesem Schritt einem womöglich belastenden Münchner Missbrauchsgutachten zuvorzukommen. Er sei gerne Bischof, schreibt Marx. Doch „Aufarbeitung muss wehtun“. Insofern kann man sein Rücktrittsangebot, theologisch betrachtet, gewissermaßen als ein erstes Zeichen reuiger Sühne sehen.

Bischöfe unter Zugzwang

In der Debatte um die Aufarbeitung von Missbrauch wird oft irrigerweise davon gesprochen, dass Glaubwürdigkeit zurückgewonnen werden müsse. Wer aber vor allem an die eigene Glaubwürdigkeit denkt und nicht an die Betroffenen, der wird nicht wieder glaubwürdig werden. Auch in diesem Sinne tut Marx das Richtige, sowohl für die Aufarbeitung als auch für die Öffentlichkeit: Er setzt ein neues Thema. Nicht mehr der sture, nicht zurücktretende Bischof beherrscht die Berichterstattung, sondern der Rücktritt eines Bischofs macht den Weg frei für die Aufarbeitung des Missbrauchs, hoffentlich im Sinne der Betroffenen.

In seinem Brief bittet er den Papst eindringlich darum, den Rücktritt auch wirklich anzunehmen. Marx schafft damit unhintergehbare Tatsachen. Jetzt kann niemand mehr behaupten, ein Bischof könne nicht zurücktreten, auch wenn ihm das Wasser (noch) nicht bis zum Halse steht. Kardinal Marx erweist der Kirche einen großen Dienst, nicht unähnlich zu seinem Vorgänger auf dem Münchner Bischofsstuhl, der 2013 als Papst Benedikt XVI. zurücktrat. Jetzt gilt auch institutionell, was theologisch schon immer galt: Um das Richtige zu tun, braucht es keinen juristischen Nachweis, sondern das freiwillige Mitgehen der zweiten Meile. Darin kann Reinhard Marx seinen Amtsbrüdern jetzt als Vorbild dienen.

Lesen Sie dazu:
Missbrauchsgutachten: Die zweite Meile fehlt (kath.de-Kommentar vom 19. März 2021)
Missbrauchskrise – die Bibel verlangt anderes Vorgehen (kath.de-Kommentar vom 5. Februar 2021)
Nicht gerichtsfest, sondern katholisch den Missbrauch aufarbeiten

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