Bevölkerung hilfsbereit, Regierung versagt

Deutschland unter Schock: Gespenstische Flut-Bilder, unzählige Tote und Vermisste, Tausende ohne ein Zuhause, zerstörte Infrastruktur. Eine schreckliche Naturkatastrophe, deren Ausmaß und Schwere hätten verringert werden können, hätte die Politik rechtzeitig reagiert. Die Warn- und Schutzsysteme haben versagt – und die Bevölkerung räumt auf.

Foto: Philipp R.

Die Hochwasserkatastrophe hat bisher mindestens 170 Menschen das Leben gekostet, Tausende stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Menschen haben nicht nur immense Sachschäden erlitten, sondern teilweise ihr ganzes Zuhause verloren.

Fast wie im Krieg

Im ganzen Land herrschen Anteilnahme und Hilfsbereitschaft. Aus verschonten Gebieten reisen Menschen an, um mit anzupacken und beim Aufräumen und Wiederaufbau zu helfen. Mein Bruder ist mit Freunden vor Ort und kann kaum glauben, was er dort sieht. „Das hat hier schon Kriegsoptik“, schreibt er mitten aus dem Geschehen. Die Bilder, die er mir geschickt hat, scheinen wie aus einer anderen Welt. Die Regierung hat zusammen mit Hilfsorganisationen Spendenkonten organisiert, um den Menschen in den Katastrophengebieten zu helfen. Aber warum soll die akut notwendige Hilfe durch private Mittel mitfinanziert werden? In jüngster Vergangenheit überwies die Regierung Milliarden Euro aus dem Staatshaushalt für Unternehmen, um deren unerwartete Verluste zu kompensieren. Viele Menschen aus der Region bei Bonn wünschen sich Hilfe, die auch wirklich bei ihnen ankommt. Die Auftritte von Politiker:innen wirken für viele Betroffene eher wie Selbstdarstellung und Wahlkampf.

Hilfe scheitert an Bürokratie

Bundeskanzlerin Merkel betont, man bräuchte für den bevorstehenden Wiederaufbau einen „sehr langen Atem“. Die Wiederherstellung der Infrastruktur werde Monate in Anspruch nehmen. Den Opfern der Hochwasserregionen versprach sie unbürokratische Soforthilfe. Die Frage vieler Bürger lautet nun: Wie sollen diese versprochenen Soforthilfen aussehen? Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass man ohne Nachweise der Not, Kontoauszüge, Ausfüllen komplizierter Dokumente nicht weit kommt. Gastronomen konnten mit den Corona-Hilfen oft gerade einmal ihre laufenden Kosten decken. Studierende durften, um Überbrückungshilfen zu bekommen, so gut wie gar nichts besitzen. Aber wenn man an diesem Punkt ist, helfen die knappen Corona-Gelder auch nicht viel. Es handelt sich weniger um wirkliche finanzielle Hilfe, als um Almosen. Diese jüngsten Erfahrungen lassen viele Betroffenen zweifeln, ob die Katrophengelder tatsäch schnell und unkompliziert bei den Menschen ankommen und ob sie beim Wiederaufbau finanziell nicht alleine gelassen werden.

Das System hat versagt

Die Bundeskanzlerin regte an, Sirenen könnten künftig im Katastrophenschutz wieder eine größere Rolle spielen. Doch finden nicht ohnehin regelmäßig millionenteure Krisenübungen statt? Die ständigen Proben der Sirenen im Kreis Bonn alle zwei bis drei Wochen machen einen jedes Mal aufs Neue nervös. Es gibt also Warnsysteme. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat in der Vergangenheit aufwändig beworbene Warn-Apps aufgebaut, ein weit verzweigtes Netz aus Krisenmanagern in Ländern, Landkreisen und Kommunen organisiert. Jede erdenkliche Situation wird trainiert und analysiert, um Menschen zu schützen. Aber als es darauf ankam, ist das System ist gescheitert und konnte nicht verhindern, dass Menschen sterben und verloren gehen, Existenzen zerstört werden.

Trotz Warnung keine Reaktion

Anzeichen für mögliche Hochwasser gab es bereits neun Tage vor der Flut per Satellitenbild. Das Europäische Hochwasser-Warnsystem warnte vier Tage vor der Flut die Bundesregierung vor Hochwasser an Maas und Rhein. 24 Stunden vor dem Hochwasser wurde genauestens vorhergesagt, welche Regionen genau betroffen sein würden. Wieso wurden diese Warnungen ignoriert? Viele Menschen aus den betroffenen und umliegenden Regionen sind wütend darüber. Wieso lernt man nicht aus Fehlern? Der erste bundesweite Warntag schlug 2020 fehl und hat deutlich gezeigt: Vielerorts fehlen Sirenen, die Warnsysteme sind überlastet und im Ernstfall wird der Großteil der Bevölkerung nicht informiert. Doch die notwendigen Konsequenzen aus verpatzten Katastrophenübungen blieben aus. In der Region Bonn treten seit mehreren Jahren Hochwasser auf. Die Stadt wollte immer etwas dagegen tun, sparte aber letztendlich an den erforderlichen Maßnahmen. Noch nie zuvor erreichten mich Nachrichten von Freunden und Bekannten aus den sogenannten Entwicklungsländern, um mich zu fragen ob, ich gesund und in Sicherheit bin, und ob sie mir helfen könnten. Der einzige Lichtblick in dieser Situation ist die Hilfsbereitschaft der Menschen. Davon sollte sich unsere Politik viel abschauen.

Deutschland muss endlich ein funktionierendes Warn- und Informationssystem für die Bevölkerung vorweisen. Wenn die Politik es schon nicht schafft, die Klimakrise als Ursache für die Unwetter und Hochwasser zu bekämpfen, müsste sie doch wenigstens deren unmittelbare Auswirkungen verhindern: Tod und Zerstörung.

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