Priester sein und homosexuell

Ist Homosexualität direkte Ursache für sexuellen Missbrauch? Die Frage steht durch die Kontroverse zwischen Kardinal Müller und P. Klaus Mertes S.J. im Brennpunkt.
Hermann Kügler als Pastoralpsychologe hat für kath.de die Daten zusammengestellt, die nach den neuesten Untersuchungen verfügbar sind.
Das externe Gutachten aus dem September kommt zu dem Ergebnis: „Die grundsätzlich ablehnende Haltung der katholischen Kirche zur Weihe homosexueller Männer ist dringend zu überdenken. … Der Zölibat ist eo ipso kein Risikofaktor für sexuellen Missbrauch.“

Ende September 2018 haben die deutschen Bischöfe den Abschlussbericht über das von ihnen in Auftrag gegebene Forschungsprojekt zum sexuellen Missbrauch an Minderjährigen (kurz: MHG-Studie) der Öffentlichkeit vorgestellt. Darin heißt es eindeutig: „Homosexualität ist kein Risikofaktor für sexuellen Missbrauch. … Die grundsätzlich ablehnende Haltung der katholischen Kirche zur Weihe homosexueller Männer ist dringend zu überdenken. … Der Zölibat ist eo ipso kein Risikofaktor für sexuellen Missbrauch.“ Dies ist kein kircheninterne Beurteilung, sondern von den Instituten, die im Auftrag der Bischofskonferenz die Daten über sexuellen Missbrauch seit den fünfziger Jahren erhoben haben.

Dennoch wird immer wieder argumentiert: wenn man „die Schwulen“ aus der Priesterschaft ausschlösse bzw. sie erst gar nicht zuließe, dann gebe es keine sexuellen Übergriffe mehr. Auch manche hochrangigen Kirchenvertreter behaupten das. Aber ganz so einfach ist es nicht. Ich stelle in diesem Beitrag einige grundlegende Informationen vor - zur Orientierung in einem vielfach „verminten“ Feld.

Homosexualität unterscheiden

Homosexualität ist die dauerhafte, dominierende erotische Anziehung zu Personen des gleichen Geschlechts, die oft, aber nicht notwendig, mit geschlechtlicher Aktivität verbunden ist.

  • Sie ist eine nicht frei gewählte, in der Tiefe der menschlichen Person angelegte Geschlechtsidentität;
  • sie entwickelt sich -vermutlich- durch eine Vielzahl von Faktoren wie z.B. Erbanlagen und milieuabhängige, persönliche lebensgeschichtliche Einflüsse;
  • wird sehr früh in der Kindheit begründet, und nicht erst in der Pubertät;
  • ist therapeutisch (im Sinne einer „Umpolung“) nicht veränderbar;
  • ist keine Krankheit.

Der Zugang zu einem besseren Verständnis von Homosexualität kann auch durch die Differenzierung nach Typen von Homosexualität erleichtert werden.

  • Entwicklungs-Homosexualität meint pubertäres oder adoleszentes Experimentieren.
  • Not-Homosexualität bedeutet, dass es aufgrund der besonderen äußeren Situation, z.B. Gefängnis, Militär und des Mangels an heterosexuellen Partnern zu gleichgeschlechtlichen sexuellen Handlungen kommt.
  • Neigungs-Homosexualität bezeichnet eine andauernde und ausschließliche Neigung zu gleichgeschlechtlichen erwachsenen Partnern.

Unter katholischen Priestern gab es auch in der Vergangenheit immer wieder homosexuell empfindende Männer, die authentisch gelebt und fruchtbar als Seelsorger gewirkt haben. Neu ist, dass heute die eigene sexuelle Orientierung in der Ausbildung im Kontext der Förderung der affektiven Reife ausdrücklich thematisiert wird, dass im Gefolge davon freimütiger über sie gesprochenen wird und sie auch Gegenstand öffentlicher Diskurse geworden ist. Dabei ist zu bedenken, dass die Zeit weitgehender Sprachlosigkeit noch nicht lange vorbei ist.

Die Situation homosexuell empfindender Priester lässt sich so beschreiben: Erstens gibt es die Spannung, die eigene Orientierung wenigstens ein Stück weit als Priester in der gewählten zölibatären Lebensform leben zu können und sie anderseits gerade im engsten Lebensbereich verheimlichen zu müssen. Zweitens gibt es ein Leiden unter den Folgen der offiziellen kirchlichen Verlautbarungen und drittens konkrete Schwierigkeiten, wenn jemand den Schritt zu einem Coming-Out wagt.

Verlässliche Schätzungen gehen davon aus, dass ca. 4-5% der männlichen Bevölkerung homosexuell empfinden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Homosexualität als Persönlichkeitsstörung mit Krankheitswert schon vor langer Zeit gestrichen.

Eine empirische Untersuchung über den Prozentsatz homosexuell empfindender katholischer Priester gibt es derzeit nicht, insofern sind alle Zahlenangaben mit Vorsicht zu interpretieren. In der MHG-Studie liegen dokumentierte Hinweise auf eine homosexuelle Orientierung bei 14 Prozent (Personalakten der Diözesen) bzw. 19,1 Prozent (Analyse von Strafakten) der beschuldigten Kleriker vor. Dies ist gegenüber der Vergleichsgruppe aus anderen institutionellen Kontexten wie z.B. Schulen (6,4 %) stark erhöht. In Interviews mit Betroffenen sowie beschuldigten und nicht beschuldigten Klerikern fanden sich bei 72 Prozent der interviewten beschuldigten Kleriker Hinweise auf eine homosexuelle Orientierung und bei 12 Prozent der interviewten nicht beschuldigten Kleriker.

Aspekte zur Urteilsbildung

Innerhalb der Kirche gibt es derzeit ein großes „kulturelles Gefälle“ beim Denken und Sprechen über die Bewertung der Homosexualität.

Ein Priester kann seine Identität nicht vorrangig an seiner sexuellen Orientierung festmachen. Auch dies gilt für Homosexuelle wie für Heterosexuelle. Ebenso wenig ist es zulässig, einen Homosexuellen nur unter dem Gesichtspunkt seiner sexuellen Orientierung zu sehen und zu beurteilen. Eigentlich ist dies eine Binsenweisheit. Doch erleben Homosexuelle eine solche Unterstellung oft als das eigentliche Problem.

Priester, die wegen ihrer homosexuellen Orientierung von anderen diskriminiert werden, dürfen sich selbstverständlich dagegen wehren. Dies impliziert auch, dass sie strukturell durch ihre Vorgesetzten gegen Diskriminierungen geschützt werden müssen. Eine Diskriminierung liegt auch dann vor, wenn in allgemeiner Form abschätzig über Homosexuelle gesprochen wird. Sich gegen Diskriminierung zu wehren kann auch heißen, offen zu legen, dass man selber zu den Diskriminierten gehört. Es darf weder in einer Diözese noch in der Kirche als ganzer der Eindruck entstehen, man sähe homosexuelle Priester vor allem unter dem Aspekt der „Gefahr“.

Im Einzelfall können ein öffentliches Sprechen über die eigene homosexuelle Veranlagung ein authentisches Glaubenszeugnis und ein Akt der Solidarität mit denen sein, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung in Kirche und Gesellschaft diskriminiert werden.

Von großem Nutzen wird es für jeden einzelnen Priester sein, für sich selbst die Frage seiner psychosexuellen Orientierung zu klären. Dazu gehört auch, selbstkritisch mit eigenen homophoben Ängsten zu rechnen, die u.U. eine tief sitzende Unsicherheit bezüglich der eigenen psychosexuellen Orientierung überdecken.

Und für die weitere konstruktive Auseinandersetzung ist eine Enttabuisierung und Entpathologisierung der Homosexualität dringend notwendig, mittelfristig auch Veränderungen in der von vielen als patriarchal und homophob erlebten Machtstruktur der katholischen Kirche.

Eine von kirchlichen Personalverantwortlichen derzeit vertretbare Position

In der gegenwärtigen gesellschaftlichen und kirchlichen Situation in unserem Kulturkreis wäre dies eine vertretbare Position:

  • Es gab schon immer Priester mit einer homosexuellen Veranlagung, und dies wird wohl auch weiterhin so bleiben.
  • Bei den verschiedenen Schritten der Priesteraus- und Weiterbildung ist darauf zu achten, dass jeder wirklich disponiert und bereit ist, das Zölibatsversprechen authentisch zu leben. Dies betrifft alle in gleicher Weise, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung.
  • Homosexuelle Priester sind keine eigene Klasse. Jede Art von Ausgrenzung oder Diskriminierung ist zu vermeiden.
  • Was das öffentliche Reden über die eigene sexuelle Orientierung angeht, so kann als Grundsatz gelten: Alle Priester sollen mit Fragen, die ihre persönlichen Sexualität betreffen, diskret umgehen. Dies betrifft alle, gleich welcher sexuellen Orientierung. Priester, die das Zölibatsversprechen abgelegt haben, und denen sich andere Menschen in großem Vertrauen als Seelsorgern mit ihren Nöten und Sorgen anvertrauen, sollten zurückhaltend sein, ihre eigenen sexuellen Erfahrungen, Präferenzen oder Schwierigkeiten ins Gespräch zu bringen. „Diskret“ meint nicht, dass die eigene Sexualität eine Tabuzone ist und ein Schweigegebot darüber liegen muss. Doch geht es um die Gabe der „klugen Unterscheidung“, wann, wo und wie sich ein Priester dazu äußert.
  • Ähnliches gilt beim Reden über andere, auch hier ist immer eine angemessene Diskretion gefordert.