Über die Kunst des Zuhörens

2026 begann im Vatikan mit einem außerordentlichen Konsistorium, bei dem Papst Leo in dieser Woche mit 170 Kardinälen aus der ganzen Welt in Rom diskutiert hat. Dabei betonte der Pontifex: „Ich bin hier, um zuzuhören“, und setzte dabei – stärker als sein Vor-gänger – auf den Dialog und die Beteiligung der Kardinäle. Aber es gab auch Parallelen.

„Die Welt, in der wir leben und die in all ihrer Widersprüchlichkeit zu lieben und ihr zu dienen wir berufen sind, verlangt von der Kirche eine Steigerung ihres Zusammenwirkens in allen Bereichen ihrer Sendung“, sagte Papst Leo XIV. vor den aus aller Welt versammelten Kardinälen. Von den 245 Kardinälen waren 170 der Einladung zum ersten außerordentlichen Konsistorium seines Pontifikats gefolgt. Papst Franziskus hatte in seiner Amtszeit drei dieser Kardinalsberatungen abgehalten, aber nicht so früh wie Papst Leo.

Kardinäle durften über Beratungsthemen abstimmen

Anders als Papst Franziskus, dem von Kritiker:innen nachgesagt wird, dass er den Kardinälen oft „seine“ Themen „aufgezwungen“ habe, setzt sein Nachfolger Papst Leo XIV. auf stärkeren Dialog mit und die Beteiligung der Kardinäle. So durften diese aus vier von Papst Leo vorgeschlagenen Themen zwei Themen per Abstimmung selbst festlegen.

Ausgewählt wurden dabei die Themen „Die Mission der Kirche in der Welt von heute“ und „Synode und Synodalität, Instrument und Stil der Zusammenarbeit“, wie Vatikansprecher Matteo Bruni mitteilte. Beide Themen waren wichtige Punkte im Pontifikat von Papst Franziskus gewesen. Die beiden Themen „Der Dienst des Heiligen Stuhls“ sowie „Liturgie, Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens“ wurden vertagt und damit auch die Frage zum Umgang des Vatikans mit der „lateinischen Messe“, die Papst Franziskus – zum Missfallen konservativer Katholik:innen – stark eingeschränkt hatte.

Beratungen verliefen synodal

Papst Franziskus hatte bei den Weltsynoden 2023/2024 auf die „Kraft der Unterscheidung“ gesetzt, einen geistlichen Prozess zur Entscheidungsfindung und zum Handeln. Papst Leo greift diesen Weg auf, setzt aber eigene Akzente, die die Kardinäle stärker einbinden. Zugleich setzt der neue Pontifex klare Botschaften, dass die zukünftig regelmäßigen Dialoge nicht für eigene Zwecke missbraucht werden dürfen, sondern stattdessen synodal geführt werden müssen. Nach dem Willen von Leo XIV. soll „Synodalität als Instrument für eine effektivere Zusammenarbeit aller Mitglieder auf den verschiedenen in-stitutionellen Ebenen vertieft werden“, wie Kirche + Leben berichtete Link.

Lob und Kritik

Nach den Beratungen im Vatikan in dieser Woche gab es sowohl Lob als auch Kritik. So wurde einerseits die Stärkung des „Wir-Gefühls“ unter den Kardinälen positiv betont. Medien hoben zudem einen stärkeren kollegialen Stil zwischen dem Pontifex und seinen Kardinälen hervor. Andererseits kritisierte die Reformbewegung „Wir sind Kirche“ die Beratungen „hinter verschlossenen Türen“ sowie eine „Repräsentationslücke“, da weder „Frauen, junge Gläubige aller Geschlechter und Laien“ beteiligt waren, wie Domradio berichtete Link.

Fortsetzung der Beratungen am „Fest Peter und Paul“

Bei den Beratungen im Vatikan wurde deutlich: Anders als sein Vorgänger Papst Franziskus, der das außerordentliche Konsistorium nur selten einberief und stattdessen zur Beratung auf ein kleines Gremium ausgewählter Kardinäle setzte, möchte sein Nachfolger das Konsistorium ausweiten. Laut Vatikanansprecher Bruni soll dies ab dem nächsten Jahr einmal jährlich im Umfang von drei bis vier Tagen durchgeführt werden. Allerdings warnte Leo die Kardinäle, dass das Konsistorium „kein Ort für parteiliche Strategien“ sei. Der Pontifex bricht nicht mit dem Weg zu einer synodalen Kirche, den sein Vor-gänger initiiert hat, setzt aber eigene Akzente, auch im Umgang mit dem Kardinalskollegium.

Voraussichtlich am 27./28. Juni werden die Kardinäle erneut im Vatikan mit Papst Leo zusammenkommen und die Beratungen fortsetzen. Dann könnten entweder die beiden „offenen“ Themen vom ersten außerordentlichen Konsistorium (Verhältnis Vatikan und Ortskirchen sowie Formen der Messe) oder neue Themen behandelt werden.

Zuhören als Voraussetzung für gute Entscheidungen

Fazit: Zuhören ist eine Voraussetzung für gute Entscheidungen. Und gute Entscheidungen wird Papst Leo benötigen, um den zarten Pfad des Wandels in der katholischen Kirche fortzusetzen, den Papst Franziskus gepflanzt hat. Nun braucht es neben Wasser und Geduld, auch die „Kunst des Zuhörens“, damit der Samen weiterwachsen kann.

Apropos Wachsen: Dies gilt auch für die demokratischen Prozesse im Vatikan, die unter Papst Franziskus und Papst Leo XIV. zaghafte Pflänzchen bekommen haben. Der Weg zu echter Mitbestimmung im Vatikan ist aber noch weit, dürfte aber alternativlos sein.

Christian Schnaubelt (Chefredakteur und Herausgeber von kath.de)