Wahrheit oder „meine Wahrheit“?

Vom Schriftwort bis zum Bildschirm: Warum die Relativierung von Erkenntnissen unserer Gemeinschaft schadet und wie der Journalismus seine Berufung wiederfinden muss. Plädoyer für Demut und Unterscheidungskraft in stürmischen Zeiten von Sebastian Sendlak.

Der Blick in die Menschheitsgeschichte offenbart ein tiefes Bedürfnis nach Orientierung. Jahrhunderte lang suchten die Gläubigen das tragfähige Fundament für ihr Leben und die Deutung der Welt bei jenen Instanzen, die als moralische und geistliche Leuchtfeuer galten: bei Priestern, Propheten oder Königen, die im Glauben und in der Tradition verwurzelt waren. Mit dem Anbruch der Moderne trat die Wissenschaft an dessen Stelle – nicht als Widersacherin, sondern im besten Fall als Werkzeug, um die wunderbare Ordnung der Schöpfung durch systematische Forschung, Nachweise und Vernunft tiefer zu ergründen.

Doch in unserer heutigen, digitalisierten Welt erleben wir eine schmerzhafte Verschiebung: Wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse, die dem persönlichen Komfort oder dem eigenen Weltbild einzelner Individuen zuwiderlaufen, werden bereitwillig geopfert. An ihre Stelle tritt das Diktat der sozialen Medien. Sie bieten eine laute, unregulierte, Plattform, auf der Falschinformationen im Handumdrehen zu einer vermeintlich unantastbaren, rein subjektiven Wahrheit umgedeutet werden – zu „ihrer Wahrheit“.

Der Verlust der Demut und die Tyrannei der Inkompetenz

Aus christlicher Sicht rührt diese Entwicklung an ein fundamentales Problem: den Mangel an Demut. Wer die mühsame Arbeit von Forscherinnen und Forschern, die oft jahrzehntelang im Stillen nach objektiven Beweisen suchen, mit einem schnellen Mausklick beiseite fegt, stellt das eigene Ego über die Gemeinschaft. Diese Haltung macht auch vor den Toren der „traditionellen“ Medien nicht halt. Als Leserinnen und Leser sowie Medienschaffende beobachten wir mit wachsender Sorge, wie auch im seriösen Journalismus der Begriff des „Experten“ vollkommen entwertet wird.

Da erleben wir Talkshows und Berichte, in denen prominente Schwimmerinnen fundiert den American Football erklären sollen oder Schlagerbarden sich berufen fühlen, theologische, ethische und hochkomplexe politische Debatten anzuführen – fernab jeglicher nachweisbarer Fachkompetenz oder inhaltlicher Tiefe. Wenn bloße Prominenz und Lautstärke mit echter Expertise gleichgesetzt werden, verflacht der öffentliche Diskurs. Es entsteht ein Zerrbild, in dem die Wahrheit nicht mehr gesucht, sondern im Buhlen um die Gunst des Publikums und um mediale Reichweite und Klicks billig inszeniert wird.

Die Berufung des Journalismus: Dienst an der Wahrheit und am Nächsten

Gerade für kirchliche Publikationen sowie für die Medienlandschaft insgesamt ergibt sich daraus eine dringende Pflicht zur Gewissenserforschung. Der Journalismus ist im Kern kein reines Unterhaltungsgeschäft, sondern ein Dienst an der Wahrheit und damit am Nächsten. Wenn Redaktionen unkritisch jedem Selbstdarsteller bzw. jeder Selbstdarstellerin eine Bühne bieten, der vorgibt, Antworten zu besitzen, tragen sie zur Verunsicherung der Menschen bei und bringen den Berufsstand der Chronisten immer weiter in Verruf. Wenn zudem Aussagen zwecks „Clickbaiting“ bewusst reißerisch, problematisierend oder schlicht sachlich verkürzt dargestellt werden, werden Wirklichkeit und Wahrheit bereits verzerrt.

Plattformen und Redaktionen müssen dringend und tiefgreifend über ihre Verantwortung bei der Auswahl von Expertinnen und Experten nachdenken. Es braucht wieder Mut zur Selektion, Mut zur Stille und den Willen, der leisen Stimme der fundierten Wissenschaft den Vorzug vor dem schrillen Spektakel zu geben. Nur wenn Journalistinnen und Journalisten ihre Rolle als kritische Wächterinnen und Wächter sowie unbestechliche Prüfer und Prüferinnen von Quellen wieder ernst nehmen, können sie ihrer gesellschaftlichen Berufung gerecht werden. Dazu gehört es auch, dass Medien – wie kath.de – sich sowohl der publizistischen Selbstkontrolle durch den Presserat https://www.presserat.de/ unterziehen als auch den „Leipziger Appell für Freiheit und Unabhängigkeit der Medien“ https://www.mdr.de/unternehmen/informationen/gemeinwohl/leipziger-appell-freiheit-unabhaengigkeit-medien-demokratie-100.html unterzeichnen.

In einer Zeit der wachsenden Orientierungslosigkeit ist dies kein Luxus, sondern ein Akt der Verantwortung für den gesellschaftlichen Frieden. Und zum Erhalt unserer Demokratie!

Sebastian Sendlak (freier Journalist aus Bochum)