„Lokaljournalismus ist langweilig und bringt nichts. Ich bin für Höheres bestimmt, was mir eine entsprechende Anerkennung bringt.“ Diesen Gedanken haben einige Studierende, denn im Lokalen kann man schließlich keinen Pulitzerpreis gewinnen.
Viele Nachwuchsjournalist:innen sehen sich laut eigenem Denken für etwas Höheres bestimmt, als in einer verstaubten Lokalredaktion zu „versauern“ und über den klassischen Taubenzüchterverein zu berichten. Besonders, wenn die Auflagenzahlen von Tageszeitungen, wie dem Iserlohner Kreisanzeiger (IKZ) mit unter 10.000 Zeitungsabonnenten, stetig sinken. Dem Journalismus wird nur noch wenig Bedeutung zugewendet, da Social Media inzwischen deutlich schneller ist als das vernünftige Handwerk. Das führt dazu, dass die oft als „vierte Gewalt“ bezeichnete Presse an Bedeutung verliert. Kritik und Kontrolle sind – egal ob auf Bundes- oder Kommunalebene – so nur noch schwer möglich.
Und doch führt gerade der Lokaljournalismus dazu, dass Informationen an die Bürger:innen getragen werden und die Demokratie gestärkt wird. Entsprechend ist eine ausgewogene Berichterstattung notwendig. Das bedeutet nicht, dass man der Stadtpolitik nach dem Mund reden muss, sondern auch kritisch nachfragen sollte. Diese Form der Recherche sollte in einem sachlichen und neutralen Text dargestellt werden. Wichtig ist, dass hier mindestens zwei Seiten zu Wort kommen, sodass sich die Leser:innen eine eigene Meinung bilden können.
Digitale Dynamik und der Druck der Öffentlichkeit
Es findet ein Austausch vorwiegend auf Social Media statt, was ein Gemeinschaftsgefühl hervorruft. Entweder man ist für oder gegen ein Thema. Jede/r hat seine/ ihre „Bubble“ mit ähnlichen Interessen und Meinungen, wodurch jedoch oft kein echter Dialog entsteht – stattdessen wird einem eher nach dem Mund geredet. Entsteht dennoch ein Austausch in den Kommentaren unter einem Artikel, wird dieser auch von der Politik beobachtet. Es können Reaktionen seitens der (Lokal-) Politik folgen, in denen an bestimmten Entscheidungen nachjustiert wird.
Durch den Journalismus wird also die Stimmung im Land oder in der eigenen Stadt wahrgenommen und es entstehen Anpassungen von Konzepten. Ganz aktuell, einmal als Beispiel eingestreut, ist die Pauschale zu den gestiegenen Energiekosten. Es ist kaum davon auszugehen, dass es zu dieser Reaktion der Bundesregierung gekommen wäre, wenn nicht der Druck in der Öffentlichkeit durch den Journalismus und die damit verbundenen Diskussionen entstanden wäre. Entsprechend fördert der Journalismus nicht nur die Demokratie, sondern er fordert sie auch ein.
Neue Wege aus der Finanzierungskrise
Aber wie soll solch ein Modell finanziert werden? Die alten Abomodell sind ausgelutscht und es wurde versäumt, rechtzeitig zu vermitteln, dass für gute Berichterstattung bezahlt werden muss. Niemand schreibt für lau – auch keine Künstliche Intelligenz (KI), die immer noch von einem Menschen bedient wird. Wie kann also ein tragfähiges Modell aussehen?
Hier gibt es unterschiedliche Ansätze. Bringt es eine staatliche Finanzierung, wie in Skandinavien? Kritiker:innen befürchten, dass hier „Demokratieanteile“ abgegeben werden, was die Unparteilichkeit erschweren könnte – wobei in skandinavischen Ländern die Pressefreiheit laut „Reporter ohne Grenzen“ trotz staatlicher Mittel paradoxerweise sehr hoch bleibt.
Die Lösung sind nicht alte Verlage mit ihren starren Bezahlmodellen und teils unzureichender Berichterstattung. Es sind vielmehr Konzepte, die ein Gemeinschaftsgefühl fördern. Hier kann ein Nachrichtenportal durch eine Stiftung finanziert werden. Allerdings ist dies vorwiegend dann sinnvoll, wenn es sich um eine operativ tätige Stiftung handelt, die das Portal als Kernprojekt führt, um so die journalistische Unabhängigkeit zu bewahren. Mehr Sinn ergibt stattdessen oft ein Verein, der seine / ihre Redakteur:innen durch die Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen bezahlt.
Unabhängigkeit durch Gemeinschaft
Ein Vorteil ist es, dass die Nachrichten auf einem solchen Portal ohne gängiges Content-Marketing auskommen können. Das bedeutet: Die Texte müssen nicht nach Klickzahlen optimiert werden, sondern können sich auf den Kern der Nachricht konzentrieren. So bleiben die Inhalte sachlich und neutral, ohne Clickbaiting und werbliche Sprache. Dadurch kann das Portal werbefrei bleiben und die Mitglieder stehen zu 100 % hinter den Nachrichten. Sie wissen, was sie zu lesen bekommen, und durch den Beitrag wird die Arbeit entsprechend honoriert. Diese Form scheint zu funktionieren, denn auch die Stadtpolitik würdigt ein solches Medium, indem über positive wie negative Ereignisse gleichermaßen berichtet wird.
Ein Beispiel dafür ist das „Bochum Journal"Link. Hier wurde kürzlich ein Verein gegründet, der Lokaljournalismus fördert, da das ortsansässige Medienhaus die Berichterstattung über wichtige lokale Themen aufgrund schrumpfender Ressourcen nicht mehr im gewohnten Maße leisten kann. In der Stadtpolitik kommt das Portal gut an, weshalb dieses Projekt ausdrücklich gewünscht ist. Ob sich dieses Modell der Finanzierung durch Fördermitglieder dauerhaft durchsetzt, wird sich zeigen. Doch durch neue Konzepte kann der Journalismus bestehen bleiben, im lokalen Bereich neue Ausrufezeichen setzen und weiterhin das tun, was seine Aufgabe ist: nämlich die Exekutive und den Stadtrat zu kontrollieren und so die Demokratie zu stärken.
Zugleich will der Verein zukünftig – ähnlich wie der Verein publicatio e.V. es bei den Portalen kath.de und explizit.net bei Studierenden und in der Redaktionsarbeit für konfessionelle Medien bereits durchführt - die Nachwuchsförderung sowie junge Medienschaffende unterstützen.
Jenny Musall (freie Journalistin und Lektorin kath.de – Redaktion)