Game over

Vor der Ausstrahlung der letzten Staffel von „Game of Thrones“ war der Hype um das Ende schier grenzenlos: maximale Vorfreude bei den Fans, orchestriert von medialer Begleitmusik. Nicht zuletzt deshalb, weil die Erfolgsserie immer wieder tiefgründige Botschaften über menschliche Abgründe, das Böse und die Suche nach einem humanen Zusammenleben andeutete. Davon ist am Ende kaum etwas übriggeblieben. Simon Schwamborn lässt seinen Frust raus.


Bild: Katrina_S auf Pixabay

Am Montagmorgen, kurz nachdem ich die letzte Folge gesehen hatte, rief ich die Online-Petition „Remake Game of Thrones Season 8 with competent writers“ („Dreht 'Game of Thrones'-Staffel 8 neu, mit kompetenten Autoren“) auf, mit der die Unterzeichnenden eine Neuverfilmung der letzten Staffel fordern. Die Zahl der Unterschriften erhöhte sich Anfang der Woche noch sekündlich, inzwischen stagniert sie bei 1,5 Millionen. Der Grund: Der Ärger über den Handlungsverlauf und die Drehbuch-Autoren David Benioff und D. B. Weiss. Einige Fans waren so wütend, dass sie sogar die Google-Suche manipulierten. Kurzzeitig fand man unter dem Suchwort „schlechte Autoren“ die Namen der beiden Amerikaner.

Drehorte als Pilgerstätten

Über acht Jahre lang hat sich eine wachsende Fangemeinde in die Intrigen und taktischen Spielereien um den Eisernen Thron hineinziehen lassen. Detailgetreuer Realismus gepaart mit mysteriösen Fantasy-Elementen, bewegende Charakterentwicklungen, inspirierende Dialoge und abrupte Wendungen etablierten das „Spiel der Throne“ als Ausnahmeerscheinung in der Medienlandschaft. Zuschauer und Expertinnen konnten gar nicht genug bekommen: Auszeichnungen und Publikumsbeliebtheit peilten immer neue Rekorde an, die Drehorte wurden zu Pilgerstätten und Menschen begannen die konstruierten Sprachen zu erlernen. Realität und Fiktion durchdrangen sich immer mehr, Dubrovnik wurde zu Königsmund und die Geschichte der Targaryens zu einer historischen Realfiktion. Mussten daher die gigantischen Erwartungen nicht enttäuscht werden?

Technische Raffinessen statt interessanter Handlung

Der Erfolg der Serie wurde ihr zum Verhängnis. Eine Hollywood‘sche Blockbuster-Mentalität nahm überhand. Grandiose Animationen und technische Raffinessen überwogen zulasten ehemals kluger und feinfühliger erzählter Handlungsstränge. Eine anbiedernd wirkende Effekthascherei schlug die früher detailverliebte organische Erzählweise, die zu Empathie und Mitgefühl mit den Charakteren geführt hatte. Über Jahre aufgebaute Logikstränge opferten die Drehbuchautoren vermeintlichen Schockmomenten, die zwar überraschend, aber gleichzeitig absurd wirkten. Die Verantwortlichen können nun zwar beanspruchen, jede im Vorfeld entwickelte Fan-Theorie widerlegt zu haben – aber zu welchem Preis?

Destruktive Kraft von Rachegefühlen

Wirklich schade, denn in der Serie wurden immer wieder tiefgründige Botschaften angedeutet. Die bleibende Bedeutung von Erinnerung für die menschliche Identität etwa oder die Macht von Geschichten für ein humanes Zusammenleben. Die Serie reflektierte, manchmal fast schon beiläufig, die unwiderrufliche Gefährdung des Menschen für das Böse, seine permanente Versuchung, die je eigenen Vorstellungen für das Gute schlechthin zu halten. Welche destruktive Kraft haben Rachegefühle, wie wichtig ist das alltägliche Ringen um eine „Unterscheidung der Geister“? Diese interessanten Impulse verlieren sich gegen Ende der letzten Staffel. Der Eiserne Thron kann dem wütenden Feuer des Drachens angesichts des Todes seiner Mutter nicht standhalten. Ein gelungener Abschluss der Serie zerfließt, wie die Schwerter des Thrones, unter der Wucht abwegiger und zu schnell erzählter Handlungsstränge.

Letzte Hoffnung: der Schöpfer

Ich habe die Online-Petition zur Neuverfilmung der letzten Staffel zwar selbst unterzeichnet, habe aber zugegebenermaßen wenig Hoffnung darauf. Es wäre nicht weniger als eine Sensation, wenn die Produktionsfirma HBO sich zu einem solchem Experiment durchränge. Mir tut es schon gut, meinen Frust mit Millionen anderer Menschen zu teilen. Einen Joker gibt es ja noch, den Schöpfer der Fantasy-Welt, George R. R. Martin. Wie jeder Fan weiß, ist Martins Romanvorlage zur Fernsehserie noch gar nicht vollendet. Der Autor hat also noch die Chance, seine Geschichte zu einem besseren Ende zu führen.

Unterstützen Sie Simon Schwamborn als jungen Autoren bei kath.de, damit er und kath.de unabhängig bleiben können. Unabhängige Medien gibt es nur, wenn ihre LeserInnen sie finanzieren.