Berufung aus päpstlicher Sicht – Ein Modell für die Zukunft?

Zu wenig Priester, zu wenig Nonnen. Vergangene Woche hat sich Papst Franziskus besorgt über die geringe Anzahl der Europäer gezeigt, die einen geistigen Dienst ergreifen möchten. Der Papst und die Kirche halten weiterhin am alten Bild des Kirchendieners fest, der seine eigenen Interessen in den Hintergrund stellt, um anderen zu helfen. Doch dieses Idealbild ist in einer Zeit, die das Individuum so stark in den Mittelpunkt stellt, nicht mehr realistisch und tragbar.

Die Ausgangssituation heute

Im Gegensatz zu früheren Zeiten wachsen Europäer heutzutage in einer Zeit auf, in der die Bedeutung der Gemeinschaft immer weiter abnimmt. Die Familie wird nicht mehr als Kollektiv ihrer Mitglieder verstanden, die sich gegenseitig unterstützen und die voneinander abhängig sind. Abhängigkeit von anderen wird immer mehr zum No-Go. Jeder möchte sich selbst versorgen können. Das Gefühl Teil einer lebensnotwendigen Gemeinschaft zu sein, weicht dem Bedürfnis, sich als eigenständiges Individuum zu empfinden und zu behaupten.

Der Umgang mit der Ausgangssituation

Eine baldige Änderung der Lage ist nicht in Sicht. Von daher muss die Kirche bei ihrer Suche nach geistigen Dienern in Europa umdenken. Menschen, die heute in Europa aufwachsen, erfahren eine ganz andere Gesellschaft als die, in der Franziskus und die anderen Kirchenoberen aufgewachsen sind. Ihr Weltbild ist geprägt von dem Gedankengut des Individualismus. In dieses Weltbild das Ideal des Kirchendieners einzubetten, der sich selbst vollständig zurücknimmt, um anderen zu helfen, ist schwierig und wird von vielen nicht mehr gelebt.

So führen immer mehr Priester und Ordensleute ein eigenständiges Privatleben, haben Kontakte außerhalb der Kirchen- und Klostermauern, verwirklichen sich durch ihre Hobbies und sehen so nicht nur den Dienst am Nächsten, sondern auch den Dienst an sich selbst als essentiellen Teil ihres Lebens.

Ein solches Verständnis wird von der Kirche nicht geteilt. Dies zeigen etwa die vielen kirchenrechtlichen Vorschriften, die für Priester und Nonnen gelten. Die Verpflichtungen zu Gehorsam, Enthaltsamkeit und Unterordnung beschränken das Individuum in der Auslebung seiner Individualität. Auch die Regeln von Papst Franziskus, wie Nonnen mit Social-Media-Angeboten umzugehen haben, gehen in diese Richtung. Die Angebote seien mit „Ernsthaftigkeit und Diskretion“ zu nutzen und sollten immer im Dienst des Ordenslebens stehen. Keinesfalls sollten sie ein „Anlass zur Zeitverschwendung“ sein. Was aber versteht Franziskus unter „Zeitverschwendung“? Wenn eine Nonne über Facebook mit ihren Freunden außerhalb des Klosters kommuniziert, mag das für die klösterliche Gemeinschaft keinen Profit bringen, der spezifische Nonne aber die Möglichkeit geben, ihre eigenen Interessen zu verfolgen.

Die jungen Priester und Ordensleute werden durch die kirchliche Regulation in eine Situation gedrängt, in der sie ihr Bedürfnis nach Individualität, mit dem sie aufgewachsen sind, nicht bzw. nur erschwert befriedigen können. Seelsorgerische Hilfe kann allerdings vor allem dann geboten werden, wenn man sich in den Hilfesuchenden hineinversetzen kann. Die Hilfesuchenden der Zukunft werden vor allem diejenigen sein, denen Individualität wichtiger ist als Gemeinschaft. Um deren Probleme richtig zu verstehen und Hilfe zu bieten, benötigt es einen Seelsorger, dem/der ein solches Empfinden nicht fremd ist. Auch die kirchlichen Diener würden sich über eine Anerkennung ihres Bedürfnisses nach Individualität von Seiten der Kirche freuen. Die Kirche wird nicht mehr als aktuell und hilfreich erfahren was zum Teil auch daran liegt, dass sie sich der von der Gesellschaft gewünschten Individualität verschließt.

Anpassung an die Ausgangssituation?

Papst Franziskus ist für seine Aussagen nicht zu verurteilen. Jeder wird durch die gesellschaftlichen Umstände seines Aufwachsens sozialisiert. Im Argentinien der 1940er und 50er Jahre herrschten ganz andere Voraussetzungen, als dies im heutigen Europa der Fall ist. Mit Sicherheit kam der Gesellschaft und der Familie eine bedeutende Rolle zu, die dem idealen Bild des Kirchendieners nähersteht als die des Individuums, das sich allein selbst verwirklichen muss. Auch ist das kirchlich vertretene Ideal nicht negativ. Natürlich ist es lobenswert sich nur für andere einzusetzen und seine eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund zu stellen. Allerdings passt es nicht mehr in das Verständnis der meisten jungen Europäer. Auch soll nicht das gesamte Konzept von kirchlicher Gemeinschaft aufgegeben werden. Gerade im Kontrast zur außerkirchlichen Individualität kann hier viel Heil erfahren werden. Wenn allerdings niemanden mehr die kirchliche Botschaft erreicht, da sie sich zu stark vom allgemeinen Zeitgeist entfernt, ist keinem geholfen. Von daher sollte die Kirche sich überlegen, ob nicht ein bisschen mehr Anerkennung des Bedürfnisses nach Individualität in der Berufungspastoral und der Seelsorge Großes bewirken könnte.