Kampf um Relevanz

Der Pop-Philosoph Richard David Precht lehnt die Corona-Impfung für Kinder kategorisch ab und fordert ein Ende der Schutzmaßnahmen. Eine „Abrechnung“ im Spiegel bescheinigt ihm, intellektuell abgestürzt zu sein und rückt ihn in die Nähe von Querdenkern. Das Problem liegt indes woanders: Precht verkörpert den Typus des modernen Intellektuellen, der sich ständig auf Kosten der Inhalte reproduzieren muss, um relevant zu bleiben.

Couleur auf pixabay

Nach dem Fußballer Joshua Kimmich und der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht ist Precht schon der dritte Prominente, der in den vergangenen Wochen öffentlichkeitswirksam Skepsis an der Corona-Impfung geäußert hat. Er kritisierte im ZDF-Podcast „Lanz & Precht“, die Impfkampagne sei aus dem Ruder gelaufen. Ursprünglich habe sie dem Schutz der Vulnerablen gedient, sei mittlerweile aber auf Menschen ausgeweitet worden, für die die Impfung womöglich gefährlicher sei als eine Corona-Infektion. Kinder würde er niemals gegen das Virus impfen lassen, da die Impfung möglicherweise die Ausbildung des Immunsystems stören könne. Außerdem stellte Precht die Legitimität der Schutzmaßnahmen in Frage, da diese ob der individuellen Möglichkeit, sich durch die Impfung zu schützen, verfassungsrechtlich nicht mehr gedeckt seien.

Seine Ausführungen sind in vielfacher Hinsicht problematisch und wiederholen teils auf ermüdende Weise widerlegte Annahmen. Die von Precht vorgebrachten Argumente basieren vorrangig auf anekdotischer Evidenz – die zweite Impfung habe ihn „komplett umgehauen“ –, Spekulationen zu möglichen Langzeitfolgen, die von den allermeisten Experten ausgeschlossen werden, sowie fragwürdigen Vergleichen mit der Grippe, die Precht zufolge womöglich gefährlicher sei als das Corona-Virus, deren Verbreitung aber ja auch nicht mit staatlichen Maßnahmen bekämpft werde.

Vermeintliche Nähe zu Querdenkern

Vieles von dem, was der promovierte Germanist sagt, ist faktisch falsch oder mindestens höchst spekulativ. Der Wissenschaftsjournalist Marco Evers nimmt die Falschannahmen in einer auf Spiegel-Online veröffentlichten Spottschrift detailliert auseinander. Evers geht aber noch einen Schritt weiter und wirft Precht vor, er sei ins Lager der Schwurbler abgerutscht und habe sich seine Informationen vermutlich „anhand von Schmalspur-Internetinfos aus dem Milieu der ‚Querdenker'“ zusammengeklaubt. Er übergeht dabei, dass Prechts Ausführungen das zentrale Motiv der Querdenker fehlt. Verschwörungsideologische Erklärungen für die Maßnahmen und die Impfkampagne zieht dieser nicht wirklich heran. Zwar raunt Precht im Podcast, bestärkt durch Lanz, Kinder würden deswegen geimpft, damit Politiker eine bessere Impfstatistik präsentieren können. Dahinter ein echtes Verschwörungsdenken zu sehen, würde die notwendige Kritik an den Querdenkern aber aufweichen. Deren handfeste, oft antisemitische Verschwörungsmythen unterscheiden sich qualitativ stark von den Aussagen Prechts, die sich eher als unbedarftes Geschwafel charakterisieren lassen, wenngleich sie natürlich großen gesellschaftlichen Einfluss haben. Evers macht es sich jedoch zu einfach mit dem Versuch, Precht dadurch zu desavouieren, dass er eine Nähe des populären Philosophen zum Querdenker-Milieu suggeriert. Wahrscheinlicher als die Vermutung, dass Precht seine Informationen von obskuren Quellen bezieht, ist es, dass er die Validität seiner Argumente gar nicht erst groß recherchiert hat. Das Problem ist nicht seine Skepsis gegenüber Impfungen oder staatlichen Maßnahmen, sondern die Chuzpe, mit der er sich als kritisch intervenierender Intellektueller inszeniert, ohne tatsächlich eine fundierte Kritik beizusteuern.

Relevant bleiben um jeden Preis

Was treibt Precht aber an? Wieso hält er seit Beginn der Pandemie mit gewagten Thesen nicht hinter dem Berg und schwadronierte beispielsweise schon über Sterblichkeitszahlen, als diese noch gar nicht einschätzbar waren? Vielleicht hat der Bestsellerautor einfach nur besonders gut erkannt, dass als frei schaffender „Intellektueller“ nur über die Runden kommt und relevant bleibt, wer konstant „Content produziert“, wie es im Medienjargon heißt. Precht veröffentlicht mindestens jedes zweite Jahr ein Buch, manchmal auch zwei pro Jahr. Er hat bereits die verschiedensten Themenfelder bearbeitet, publiziert zum Bildungssystem, zu Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz oder zur Tierethik. Auch zur Corona-Pandemie hat der hyperproduktive Schriftsteller natürlich bereits ein Buch herausgebracht, darin verteidigte er die Schutzmaßnahmen noch weitestgehend als gerechtfertigt. Und: Er wird verlässlich als Experte zu den gerade aktuellen Themen in Talkshows und zu Vorträgen eingeladen, hat eine eigene Fernsehsendung und seit neuestem auch den gemeinsamen Podcast mit Markus Lanz. Im Wissenschaftsbetrieb heißt es „publish or perish“ – „veröffentliche oder gehe unter“. Nur wer regelmäßig publiziert, hat eine Chance im Konkurrenzkampf um die wenigen Stellen. Darunter leidet die längere, detaillierte Beschäftigung mit den einzelnen Themen. Sich als Experte zu einer bestimmten Frage auszubilden, und wirklich über längere Zeit zu dieser zu forschen, kann sich der große Teil der prekär Beschäftigten im akademischen Betrieb gar nicht leisten. Ganz ähnlich verhält es sich auf dem umkämpften Expertenmarkt, auf dem nur besteht, wer beständig im Blickfeld der Redaktionen und der Öffentlichkeit bleibt.

Precht hat sich erfolgreich darauf spezialisiert, sich zu eigentlich jedem Thema in Rekordzeit eine Meinung anzueignen und diese, eingebettet in philosophische Bonmots, überall, wo es ihm gestattet wird, zum Besten zu geben. Dass er häufig nur seichte Analysen liefert, mitunter auch groben Unsinn erzählt, schadet seinem Expertenstatus für gewöhnlich nicht. Nur selten stolpert er, wie nun mit seinen Aussagen zur Corona-Impfung, über selbstbewusst vertretenes Halbwissen. Fernsehredaktionen und große Medienhäuser werden Precht dennoch auch in Zukunft hofieren, weil er genau die Attribute mitbringt, die von Intellektuellen, die sich in öffentlichen Debatten einbringen, gefordert werden: Er verleiht Diskussionen scheinbare Tiefe, indem er sie eloquent mit tieferliegenden philosophischen Fragen verbindet, schmeichelt dem kritischen Selbstverständnis der Menschen, da er beispielsweise ethische Konflikte verständlich aufbereitet, ist gleichzeitig aber so wenig radikal, dass der Status Quo nur touchiert wird, aber keinen echten Veränderungen unterzogen werden muss. Nach der pseudokritischen Debatte ist alles noch wie zuvor, nur fühlt man sich nun besser. Guten Gewissens kann zum nächsten Thema übergegangen werden, dass dann in derselben Manier abgehandelt wird.

Wer bewahrt uns vorm Szientismus?

Die Tragik besteht derweil darin, dass es an fundierten gesellschaftskritischen Interventionen extrem mangelt beziehungsweise diese kein Gehör finden. Zwar ist „die Wissenschaft“ im Zuge der Corona-Pandemie zu einem der wichtigsten Berater der Politik avanciert, doch folgt daraus nicht unbedingt eine vernünftige Organisation gesellschaftlicher Verhältnisse. Gesondert berücksichtigt werden neben Dampfplauderern wie Precht und dem gruseligen Faszinosum der Querdenker derzeit nämlich vor allem naturwissenschaftliche Erkenntnisse, aus denen Schlüsse gezogen werden können, wie sich ein Virus bekämpfen lässt, die unter anderem soziale Faktoren aber nicht berücksichtigen. Aus einer szientistischen Anschauung, die sich in ihrem Handeln ausschließlich an Infektionszahlen, Übertragungsraten oder Impfquoten orientiert, kann sich in der Folge schnell auch eine soziale Kälte gegenüber Problemen entwickeln, die sich nicht unmittelbar in Zahlen erfassen lassen. Aus der Feststellung, dass Ungeimpfte die Haupttreiber des Infektionsgeschehens sind, kann ich zum Beispiel leicht die Schlussfolgerung ziehen, dass sie aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden müssen. Unter virologischen Gesichtspunkten wäre dies die rationale Reaktion. Dies verführt allerdings auch dazu, die Ursachen, warum Menschen sich nicht impfen lassen, ebenso wenig berücksichtigen oder beheben zu müssen wie die Folgen, die ein Ausschluss für die Menschen hat. Als Korrektiv technokratischer, naturwissenschaftlich legitimierter Politik braucht es kritische Experten aus anderen Disziplinen. Es müsste allerdings zunächst ein Interesse entstehen, diese auch zu hören.

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