Ist Deutschland ausländerfeindlich geworden?

Sie sprechen eine andere Sprache, haben eine andere Hautfarbe oder eine andere Kultur. Ausländische Mitbürger haben es zu Zeiten von Chemnitz und Übergriffen in deutschen Großstädten schwer in Deutschland. Besonders offensichtlich ausländisch aussehende Menschen werden attackiert. Grund dafür: Ein Angriff auf einen 35-jährigen Deutschen durch einen Iraker und Syrer. Jetzt haben auch eingesessene Ausländer Angst.

Chemnitz kommt nicht zur Ruhe. Ständige Ausschreitungen durch pöbelnde Massen bestimmen das Stadtbild. Politiker aus anderen Ländern solidarisieren sich mit den rechten Demonstranten oder warnen vor Reisen in deutsche Großstädte. Immigranten haben Angst um ihr aufgebautes Leben in Deutschland.

Ich selbst bin Migranten Kind. Meine Eltern kamen nach dem Mauerfall nach Deutschland. Meine Großmutter ist im deutschen Oberschlesien aufgewachsen, sie versteht sich auch als Deutsche, meine Eltern nicht. Sie sind nämlich in Polen aufgewachsen und verstehen sich als Solche. In meinem Bekanntenkreis gibt es viele Ausländer aller Nationen.

Vorher schwieg man, heute pöbelt man

Deutschland hat sich in den letzten Jahren wenig verändert. Besonders die Stimmung gegen Ausländer war immer die Selbe. Meine Mutter hat einen Akzent. Es war für sie normal, dass sie aufgrund ihrer Aussprache angesprochen und teilweise sogar angepöbelt wurde. Unser Nachname hat meinem Vater Nachteile bereitet, auch mir. Wir gelten aufgrund unserer Herkunft als „exotisch“.

Das Problem war jedoch, dass früher der Ausländerhass in Witzen entgegengeworfen wurde, sodass wir alle darüber lachen konnten. Einige Meinungen blieben im Verborgenen. Jetzt hat sich die Zeit gewandelt und der Ausländerhass ist salonfähig geworden. Was vorher unter vorgehaltener Hand am Stammtisch gesagt wurde, wird jetzt auf großen Kundgebungen geschrien. Man hatte sich an die deutsche Vergangenheit immer erinnert gefühlt und jetzt da die Generation des Zweiten Weltkrieges langsam verstirbt, weht ein rechter Wind durch Deutschland. Mahnmale sollen abgeschafft werden. Wir fürchten den Tag, an dem Buchenwald wieder eröffnet wird.

Es geht nicht um Witze gegenüber anderen Nationen. Der Hass, der uns entgegenkommt ist kein Witz mehr, das ist das grundlegende Problem. Das Zitat von Serdar Somuncu, einem deutsch-türkischen Kabarettisten lautet: „Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung.“ – solange man über diese lachen kann. Genau das ändert sich. Es werden Menschen nicht mehr mit Worten, sondern mit Fäusten verletzt. Das Schlimmste: Gegen diesen Trend, unternimmt die Politik und Institutionen viel zu wenig. Stattdessen sind pöbelnde LKA-Mitarbeiter bei einer Pegida-Demo anzutreffen. Sieht so der Schutz einer Minderheit aus?

Freunde aus anderen Kulturen, seien es Vietnamesen, Russen, Griechen oder Serben, berichtet ebenso von Ablehnung oder gar blanken Hass, der ihnen entgegenkommt. Das große Problem: Es bereitet uns Angst in Deutschland mit diesem Fremdenhass konfrontiert zu werden, weiß man doch, was im Zweiten Weltkrieg passiert ist oder gerade in den USA gegenüber Ausländern geschieht. Man will nicht genauso enden oder gar verenden. Angst ist genau das Stichwort, welches Rechtspopulisten nutzen: Sie machen den Deutschen Angst vor Ausländern und den Ausländern Angst vor den Deutschen. Am Ende gewinnen nur die Stammtischparolen.

Wir verurteilen Angriffe, wie ihr

Wer meint, dass wir Ausländer die Schandtaten unserer eigenen Landsleute gut finden, der hat weit gefehlt. Uns über einen Kamm zu scheren tut uns unrecht. Wenn ein Pole ein Auto klaut, heißt es nicht, dass Polen das Verbrechen gut finden. Als ich vor Kurzem bei meinem Friseur saß, fragte ich ihn und seine Angestellten was sie von dem Angriff des Syrers und Irakers auf den 35-jährigen Deutschen denken. Der Friseur ist selber Türke, seine Angestellten stammen ebenfalls aus der Türkei oder arabischen Ländern. Sie sagten, Allah wird über die Verbrecher richten.

Sozialschmarotzer finden wir genauso schrecklich wie ihr Deutschen. Es gibt auch deutsche Schmarotzer und die finden wir auch nicht in Ordnung. Aber ihr verurteilt uns von vorne herein. Aufgrund des Geldes sind wir hergekommen. Zum Teil stimmt das. Wir sind hergekommen, weil die Verhältnisse besser sind und unsere Arbeit gerecht entlohnt wird. In einigen Länder gibt es Krieg und einige von uns haben Todesängste. Aber Taten wie in Chemnitz sind nicht der richtige Weg. Denn wir Ausländer brauchen Deutschland, damit wir überleben können, was in unserem Land nicht oder nur schwer möglich wäre.

Wir sind Menschen, wie ihr

Unsere Tradition, Sprache und Gleichgesinnte sind uns heilig. Wir erkennen Menschen unserer Nation. Entweder an der Sprache oder am Verhalten. Es ist ein Stück Heimat das wir in der Fremde finden. Es ist eine Konstante in unserem Leben, die uns Sicherheit gibt. Uns zu sagen „wir sollen Deutsch werden“ ist falsch und unmöglich. Was ist eigentlich dieses „Deutsch“ was die Rechten meinen? Sauerkraut? Bremer Stadt Musikanten? Döner? Die Merkmale sind selbst dem eingefleischten Deutschen unbekannt.

Außerdem: Bitte kategorisiert uns nicht als Deutsche, nur weil wir einen deutschen Pass haben. Wir haben schon genug mit unserer eigenen Identität zu kämpfen, also hört auf damit zu bestimmen, was wir sind. In erster Linie sind wir Menschen dieser Welt und das ist das einzige was zählt. Deswegen sind wir hier, weil wir hoffen hier menschenfreundlich behandelt zu werden, wenn schon die Menschenrechte in einigen unserer Heimatländern nicht eingehalten werden.

Teilweise flohen wir schon vor nationalistischen Populisten und in Deutschland treffen wir auf Thilo Sarrazin und in Chemnitz werden zu Hunden degradiert. Die Übergriffe auf uns Ausländer, größtenteils arabischer Herkunft, finden überall in Deutschland statt und das ohne Grund. Das muss ein Ende haben! Und ja - wir haben Angst!