| P. Herbert Winklehner OSFS, Eichstätt, Redakteur mehrerer Publikationen seines Ordens, kennt sich in der Welt der Rockmusik aus. Er weist auf ihre spirituelle Dimension hin.
Religiöses auf Schritt und Tritt
Dass Rockmusik und Religion etwas miteinander zu tun haben, zeigt schon ein flüchtiger Blick auf die JUNI-Ausgabe der deutschen Musikzeitschrift ROLLING STONE. In den Plattenkritiken wird auf die Band Ministry, die Erfinder des Industrial Rock, hingewiesen, die ihren Karriere-Höhepunkt mit der Single Jesus Built My Hotrod und dem Album Psalm 69 verzeichneten. Der US-Rocker Bruce Springsteen wird mit den Worten zitiert: Ich habe nicht die leiseste Ahnung, woher meine Obsession für Themen wie Schuld und Sünde stammt, vermutlich bin ich letztlich nur ein braver katholischer Junge. Nein, ich war ein böser katholischer Junge. Zufall? Natürlich nicht. Wer in der Rockmusik Religiöses finden will, der wird nicht lange suchen müssen. Er entdeckt Gott, Jesus, Kirche, Bibel, Sinnfragen in den Liedern, bei den Sängerinnen und Sängern und selbstverständlich in den Wurzeln dieser verbreitetsten Musikrichtung des 20. Jahrhunderts: dem Gospel und dem Spiritual.
Musik sprengt Grenzen
Musik und Religion gehören zusammen. Musik sprengt die Mauern der äußeren Wahrnehmungsfähigkeit im Menschen und weist einen Weg zum Einswerden mit dem Absoluten, ist also zutiefst spirituell. Das jedenfalls meint der Sufi-Weise Hazrat Inayat Khan und er zieht daraus den Schluss: Deshalb haben die Weisen aller Zeitalter Musik als die Heiligste der Künste betrachtet. Das ist in der populären Musik von Heute nicht anders. Jugendliche, die Rockkonzerte besuchen, werden regelrecht in Trance versetzt, vergessen Zeit und Raum und geben sich den Rhythmen ihrer im wahrsten Sinne des Wortes angebeteten Bands, Sängerinnen und Sänger hin. |
Spiritualität des Protestes
Dass das Christentum auf diese spirituelle Form eher skeptisch reagiert, ist durchaus verständlich, da Rockmusik eine Art Protestbewegung darstellt, die auch vor den heiligsten kirchlichen Themen nicht Halt macht. Rockmusik ist eben eine Spiritualität des Protestes gegen überkommene Traditionen, Institutionen, Lebensweisen und Meinungen. Und ein kleiner Teil der Rockmusik bedient sich für diesen Protest auch des Teufels und anderer okkulter Mächte.
Deshalb jedoch den Jugendlichen IHRE Musik in ihrer Gesamtheit zu verteufeln, kann sicherlich nicht die richtige Reaktion der Kirche sein. Vielmehr ist eine Spurensuche zu den positiven religiösen Elementen innerhalb der Rockmusik angesagt. Ein Einstieg in diese Spurensuche könnte die neueste CD Mule Variations des Sängers Tom Waits sein. Darauf findet sich etwa das Lied Georgia Lee, das das Schicksal einer Jugendlichen besingt, die eines Tages von Zuhause verschwunden ist und Monate später tot aufgefunden wurde. Dieses Lied stellt drei wesentliche, zutiefst spirituelle Fragen: Warum hat Gott nicht aufgepasst? Warum hat Gott nicht zugehört? Warum war Gott für Georgia Lee nicht da? |