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Seit Sigmund Freud standen Psychologie und Theologie auf Kriegsfuß, seit einigen Jahren wächst auf beiden Seiten die Bereitschaft zum Gespräch. Dr. Wunibald Müller, klinischer Psychotherapeut und Leiter des Recollectiohauses in Münsterschwarzach, stellt den Beitrag der Psychologie dar und deutet auch eine Grenze an.
Neue Suche nach spirituellen Erfahrungen
Der Schriftsteller Carl Zuckmayer deutete in einem Gespräch mit dem protestantischen Theologen Karl Barth an, er könne Gott auch in Gestalt der Rinde an uralten Lärchenbäume anbeten, an denen er bei seinen häufigen alpinen Wanderungen vorbeilaufe. Karl Barth schrieb später Carl Zuckmayer, dass Gott zwar der Schöpfer jener Baumrinde sei, anbeten könnte man Gott aber nur in seinen lebendigen, durch die Heilige Schrift bezeugten Worte bzw. in seiner Gegenwart im eucharistischen Opfer.
Äußerungen wie die von Carl Zuckmayer hört man heute immer öfter. Die Menschen sind offener dafür geworden, wo sie auch außerhalb des Kirchlichen spirituelle Erfahrungen machen können. Auch bei Psychologen und Psychotherapeuten spürt man in den letzten Jahren eine zunehmende Bereitschaft, die spirituelle Dimension mehr in den Blick zu nehmen und zu würdigen. Spiritualität wird nicht länger nur als ein Versuch gesehen, sich hinter einem mächtigen Gott zu verschanzen und der Auseinandersetzung mit sich selbst zu entweichen.
C.G. Jung eröffnet das Gespräch
Es ist vornehmlich das Verdienst von C.G. Jung und der humanistischen Psychologie, ein einseitiges und reduziertes Verständnis von Religion und Spiritualität, wie es z.B. Sigmund Freud vertrat, überwunden zu haben, indem sie aufzeigten, dass die spirituelle Dimension wesentlich zu einem zufriedenen und sinnvollen Leben gehört. C.G. Jung vertrat die Auffassung, dass unter allen seinen Patienten jenseits der Lebensmitte kein einziger sei, dessen endgültiges Problem nicht aus der religiösen Einstellung entstünde. Jeder kranke in letzter Linie daran, dass er das verloren habe, was lebendige Religionen ihren Gläubigen für alle Zeiten gegeben haben. Keiner sei wirklich geheilt, der seine religiöse Einstellung nicht wieder erreicht habe. Mit Konfession oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kirche habe das aber, so fügt er hinzu, nichts zu tun.
Eine Psychologie, die offen ist für die spirituelle Dimension in unserem Leben, kann mit dazu beitragen, dass Menschen wieder offener werden für etwas, das über das hi-naus geht, was sie anlangen, riechen,
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schmecken, sehen können. Sie kann Menschen helfen mit dem, was uns Menschen allen zu Eigen ist, was uns miteinander verbindet, wieder mehr in Berührung zu bringen.
C.G. Jung spricht in diesem Zusammenhang von Welt?Seele. Die Seele sei nicht nur in uns, sondern wir sind in der Welt-Seele aufgehoben. Solche Bilder und Vorstellungen und die damit verbundenen Erfahrungen können dazu beitragen, dass Menschen befähigt werden, spirituell zu empfinden, für die spirituelle Dimension sensibler und offener zu werden.
Eine Frage der Entscheidung: das Du Gottes
In Gott jenen Gott zu sehen und zu erfahren wie er uns in den Schriften vermittelt wird, wie er uns in Jesus Christus begegnet ist, das ist unsere je persönliche Entscheidung. Gott ist nicht ein namenloses, unpersönliches, universelles Es. Gott ist unser großes und innigstes Du, mit dem wir in eine direkte, innige persönliche Beziehung treten wollen. Um in eine innige tiefe Beziehung zu Gott treten zu können, muss ich von Gottes Dasein und Anwesenheit innerlich tief berührt sein, ich muss, wie es
C.G. Jung einmal sagte, Christus im Herzen, in der Seele begegnet sein. Ist das geschehen, oder geschieht das immer wieder einmal, kann für mich Gott zu jemand werden, mit dem ich aus dem Tiefsten in mir heraus in eine Beziehung treten kann und der zur Grundlage meines Lebens werden kann. Im Bekenntnis zu dem einen Gott, wie wir ihn von den Schriften her kennen, zu dem ich in eine persönliche Beziehung trete und dem ich mich bedingungslos überlasse, unterscheidet sich christlicher Glaube von Spiritualität an sich, wie sie uns bei
C.G. Jung oder der humanistischen Psychologie und deren Rezeption durch esoterische Kreise begegnet. Sofern die Psychologie mit dazu beiträgt, dass Menschen wieder einen größeren Zugang zu dem Spirituellen und Geheimnisvollen bekommen, leistet sie einen wichtigen Beitrag für einen Glauben, der wirklich zu tragen vermag. Sie kann dazu beitragen, dass der Acker der Seele aufgepflügt wird, damit das Wort Gottes dort eindringen kann, dass Menschen mit ihrer Sehnsucht nach etwas, was über sie hinausgeht, nach Gott, in Berührung kommen und dieser Sehnsucht in der konkreten gelebten persönlichen Beziehung zu Gott Ausdruck verleihen können.
Bücher des Autors zum Thema im Matthias-Grünewald-Verlag
Heilende Seelsorge
140 Seiten, Mainz 2000, ISBN 3-7867-2265-X, DM 28,30
Auf der Suche nach der verlorenen Seele
230 Seiten, Mainz 1999, ISBN 3-7867-2197-1, DM 34,00
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