Missionarische Kirche in Frankreich

Kirche wird im Hören

Dialog statt Belehrung 

Unter dem Leitwort „Proposer la foi - Den Glauben vorschlagen“ hat vor sieben Jahren in Frankreich ein Dialogprozess begonnen, der inzwischen auch bei uns in Deutschland immer mehr Beachtung findet. Der Prozess geht von der Anerkennung und Wertschätzung von Pluralismus und Individualismus aus und vertraut darauf, dass das Gespräch über Glaubenserfahrungen und das Suchen nicht nur der Katholiken, sondern aller Menschen Kirche aufbaut. Dr. Hadwig Müller vom Missionswissenschaftlichen Institut Missio e.V., Aachen, beschreibt den Prozess und seine geistigen Grundlagen.

Bischöfe fragen 
Bischöfe bitten ihre Zeitgenossen, ihnen bei der Analyse der gesellschaftlichen Realität zu helfen - sie selber schlagen einige Gesichtspunkte vor. Bischöfe bitten ihre Zeitgenossen, ihnen zu sagen, wie sie als hoffende, glaubende, liebende Menschen leben – sie selber geben auch Zeugnis davon. Bischöfe äußern schließlich ihr Vertrauen, dass dieses Gespräch Kirche aufbaut. Ihre Initiative bringt 1994 ein Gespräch in Gang, in das sich viele Stimmen mischen. Das Gespräch entwickelt eine eigene Dynamik, die weiter geht und die konkreten pastoralen Überlegungen in Hinblick auf die zukünftigen Entwicklungen in den Diözesen befruchtet. Das alles meint der Prozess mit dem Titel „Den Glauben vorschlagen in der heutigen Gesellschaft“.

Zuerst die Menschen ...

Kirche als Institution, ist - wie die Welt, zu der sie als ein Teil gehört - von einem so enormen Wandel betroffen, dass sich niemand mehr auskennt. Die alte Gestalt der Kirche vergeht, und ihre neue Gestalt lässt sich noch nicht erkennen. Anders ausgedrückt: Die Kirche ist dabei zu werden, und wie bei allem, was im Werden ist, wissen wir noch nicht genau, wie es sein wird; aber - ähnlich wie wir es bei jungen Menschen tun - begleiten wir das Werden mit großer Aufmerksamkeit. 
Wie „wird“ die Kirche? Dadurch dass Menschen glaubend und hoffend auf der Suche sind, dass sie sich durch das Wort Gottes in ihrem Leben und Lieben inspirieren lassen und so auf die Gabe Gottes antworten. Das sind Prozesse, die langsam, unstetig, ein Leben lang weiter gehen - immer sind es subjektive Prozesse. Kommunikation gehört wesentlich dazu. Wenn die Kirche dadurch im Werden ist und wir ihr Werden fördern wollen, dann - so sagen die französischen Bischöfe - „müssen wir den Gläubigen mehr das Wort geben, damit sie in Freiheit sagen können, wie ihre Zustimmung zum Gott Jesu Christi ihre Existenz gestaltet, wie sie Vertrauen bewahren auch in schwierigen Lebensabschnitten ...“ 

Glauben: ein Akt der Freiheit, eine Geburt.
Lassen wir unsere Hoffnung sprechen! Im Gespräch wird eines deutlich: In der Weise, wie wir leben, vertrauend, suchend, liebend, ist unsere Freiheit engagiert. Glaube ist nicht mehr eine selbstverständliche Gegebenheit in unseren Gesellschaften - daher kann man ihn übrigens weder „anbieten“, noch darf man meinen, dass Menschen nach ihm wie nach einer Ware fragen! Vielmehr verdankt sich schon ihr Fragen, und um wie viel mehr der Glaube, den sie suchen, einem persönlichen, nonkonformistischen Akt. Durch ihn findet ein Mensch Zugang zu seiner Freiheit und wird darin neu geboren. 
Die Freien sprechen anders, sie sprechen in der ersten Person. Ihre Sprache ist die des Zeugnisses, und zugleich des Vertrauens. Nichts ist so ungeschützt wie der Anfang zu einem Gespräch, einer Beziehung. Im Anfang zum Gespräch wagt ein Mensch seine Freiheit und setzt sie den Freiheiten der anderen aus.

... dann die Institution: welche Kirche?
Eine Kirche, die sich ihre eigene Definition auf dem II. Vatikanischen Konzil positiv zu eigen macht, wonach nämlich nicht mehr objektive Kriterien der Zugehörigkeit bestimmend sind, sondern die subjektive Bewegung der Menschen, in der sie sich als glaubende, hoffende, liebende Menschen identifizieren und darin ihre Freiheit engagieren. 
Eine Kirche, die sich in all jenen erkennt, die ihre Erfahrung mit Gott miteinander teilen, die so zu Zeugen werden und als solche gemeinsam unterwegs sind. Eine Kirche, für die in solchem Unterwegssein Fragen nach einer Unterscheidung zwischen denen „drinnen“ und denen „draußen“ sinnlos werden, weil sie sich nicht mehr in einem Gegenüber zur Welt weiß.
Eine Kirche schließlich, deren Tradition im persönlichen Zeugnis lebendig ist. Und eine Kirche, für die sich christliche Präsenz in der Welt in der Zusammenarbeit mit Gruppen und Instanzen dieser Welt verwirklicht. 

Das Buch zum Thema: 
Hadwig Müller, Norbert Schwab, Werner Tzscheetsch (Hg.)
Sprechende Hoffnung - werdende Kirche
Proposer la foi dans la société actuelle - Den Glauben vorschlagen in der heutigen Gesellschaft
240 Seiten, Schwabenverlag, Ostfildern 2001, ISBN 3-7966-1031-5, DM 29,80