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Das Böse - und Gottes Schöpfung

Das Böse wird als Macht erfahren, es scheint sogar mächtiger als das Gute zu sein. Das könnte bedeuten, dass es zwei Mächte gibt, eine, die das Gute betreibt und eine andere, die gegen das Gute kämpft. So ähnlich war die Vorstellung der Germanen von der Weltordnung. In ihrer Mythologie stehen auf der einen Seite die guten Götter, ihnen gegenüber die Riesen, die am Ende sogar die Götter besiegen. Der Manichäisms, eine persische Weltvorstellung, kennt sogar zwei Gottheiten, eine gute und eine böse. Diese Vorstellung hat auch in die frühe christliche Kirche hinein gewirkt. Markion erklärte den Gott des Alten Testaments als den Bösen, den des Neuen Testaments als den Guten. Wenn aber sowohl das Alte wie das Neue Testament nur einen Gott verkündet, der Schöpfer alles Existierenden ist, dann wäre er auch irgendwie Ursprung des Bösen. Zumindest hat er eine Welt geschaffen, in der das Böse bestimmend ist. Das führt zu einem Dilemma. Entweder hat Gott auch das Böse gewollt oder er ist nicht mächtig genug, es zu verhindern. Da Gott als das höchste Gut bestimmt wird, folgt daraus, dass der das Gute wirklich wollen muss. Dann müsste er das Böse verhindern. Wenn er jedoch ganz gut ist, dann kapituliert er vor dem Bösen. Daraus folgt aber, dass er nicht allmächtig sein kann. Die „Rechtfertigung Gottes angesichts des Bösen“, ist daher eine Frage, die seit Generationen diskutiert wird. Der Philosoph Leibniz hat dafür den Begriff Theodizee eingeführt.

 Die Theodizee-Frage, die durch den Holocaust und den Gulag noch zugespitzt wurde, legt das Problem in das Handeln bzw. Nicht-Handeln Gottes. Tatsächlich gehen die jüdische und die christliche Religion davon aus, dass Gott etwas gegen die Überwindung des Bösen tut. Erst einmal im einzelnen, indem er dem Sünder die Vergebung des persönlich angerichteten Übels verspricht und am Ende der Zeiten das Gelingen der menschlichen Geschichte. Jesus wird als Retter der ganzen Menschheit geglaubt. Aber hätte Gott nicht von Anfang an eine Welt schaffen können, in der das Böse gar nicht vorkommt? Dazu drei Überlegungen.

  1. Was ist das Böse, das als Lüge, Gier, Gewalt bis zum Völkermord auftritt, in seinem Kern?
  2. Warum ist es nicht aus der Schöpfung prinzipiell auszuschließen?
  3. Warum ist das Tier nicht böse, sondern erst der Mensch?

Das Böse mindert und vernichtet Leben
Das Böse tritt in vielerlei Gestalten auf. Es kann Betrug sein, Irreführung des anderen, ihm Schaden zufügen, ihn in seiner Existenz nicht nur mindern, sondern ihn auslöschen. Das Böse führt am Ende ins Nichtserst einmal des anderen, dem der Mensch Böses zufügt, dann aber auch für den Bösen selbst. Er verliert den Sinn seines Lebens. Das ist in vielen Romanen dargestellt, die Biographie von Hitler zeigt es schlüssig. Am Ende seines Mordens hat er keine andere Idee als Selbstmord. In der Bibel wird die gleiche Logik von Judas, dem Verräter, berichtet.

Das Böse ist also keine Alternative zum Guten, auch wenn das immer wieder gesagt wird, der Mensch müsse zwischen Gut und Böse wählen. Das stimmt zwar, dass er sich entscheiden muss. Aber was wählt er eigentlich, wenn er sich für das Böse entscheidet? Er wählt nicht ein anderes Leben, sondern weniger Leben. Das Weniger betrifft erst einmal den anderen, dem etwas weggenommen, der beeinträchtigt, geschädigt, umgebracht wird. Böse ist unter dieser Rücksicht aber nicht nur aktive Schädigung, sondern das Nicht-Ermöglichen. Wenn Kinder nicht angemessen gefördert werden, beeinträchtigt das ihre Lebenschancen und wäre damit bereits böse. Ein aktuelles Beispiel ist das Doping. Es nimmt dem Konkurrenten die Chancen auf einen Sieg und schädigt die Gesundheit desjenigen, der durch Doping sportlichen Erfolg erzielt. Das zeigt: Der einzelne kann auch gegen sich böse handeln, wenn er die eigene Gesundheit schädigt, sich nicht fortbildet, seine Arbeit nicht gut organisiert.

Die Laster sind das Einfallstor des Bösen
Wenn das Böse im Kern Leben mindert, dann wird der Auftrag, das Gute zu tun, in seiner Notwendigkeit deutlich. Wenn der einzelne sich nicht um das Gute bemüht, öffnet er bereits dem Bösen die Tür. Das ist deshalb so, weil der Mensch wie auch die menschliche Geschichte auf Entwicklung angelegt ist. Aus jedem einzelnen wie aus dem Gemeinsamen soll etwas werden. Wer sich selbst nicht entwickelt und anderen keine Entwicklungsmöglichkeiten einräumt, bereitet dem Bösen den Weg. Er schadet dem anderen nicht direkt, er fördert aber auch nicht den anderen. Das wird am Gegenbild deutlich. Wer anderen Möglichkeiten erschließt, wer sich für andere einsetzt, gewinnt auch für sich an Gutem. Die Lasterkataloge beschreiben die Einfallstore des Bösen: Faulheit, Trägheit, Völlerei, Neid, Missgunst.

Für die Gemeinschaft ist es schwierig, die Laster direkt zu bekämpfen. Der Rechtsstaat kann allenfalls den Besitz von Drogen und die Weitergabe von Dopingmitteln bestrafen, aber nur, weil daraus aktive Schädigung anderer folgen kann. Der Kern des Bösen als lebensmindernde Tendenz wird durch die Laster an dem Ursprungsort gefasst. Die Bergpredigt und vergleichbare Forderungskataloge in anderen Religionen zeigen, dass das Gute eine Aufgabe darstellt, der sich der Mensch im eigenen Interesse ganz verschreiben sollte. Wer das Gute will, muss die Tendenz zu den Lastern zurückdrängen und nach Möglichkeit ganz überwinden. Diese Grundaussagen der meisten Religionen sehen das Betreiben des Guten als ureignen religiösen Auftrag, der von der Gottesverehrung nicht zu trennen ist. Man kann Gott nicht verehren und gleichzeitig dem Bösen freien Lauf lassen. Die Religionen setzen voraus, dass Gott das Gute will. Aber warum ist das so, wenn es in seiner Schöpfung zugleich das Böse gibt?

Das Endliche erst ermöglicht das Böse
Wenn das Böse auf Minderung, Nichtigkeit, Vernichtung zielt, dann muss es etwas geben, das gemindert und vernichtet werden kann. In der philosophischen Tradition sind das typische Kennzeichen des Nicht-Göttlichen. Denn Gott wird seit Aristoteles als der aus sich heraus Notwendige gedacht, der nicht „nicht“ sein kann. Gott ist absolut, das Geschaffene ist endlich, kontingent. Im Wort „sein Kontingent zugeteilt bekommen“ findet sich die Bedeutung, dass es etwas Begrenztes ist. Das Endliche unterscheidet sich von Gott, weil es auch nicht sein könnte. Weil Endliches auch nicht sein kann, kann es gemindert und sogar vernichtet werden. Deshalb kann man davon ausgehen, dass in Gott das Böse keinen Platz hat, sondern erst wenn Gott Nicht-Notwendiges, Kontingentes, Endliches erschafft. Da das Weltall, das Leben, der einzelne Mensch wie auch die Menschheit auf Entwicklung angelegt sind, gibt es das Gute zuerst nur einmal als Disposition, die erst verwirklicht werden soll. Der Wille des Schöpfers zielt auf das Gute. Im Zusammenleben der Menschen ist die Grundlage dafür die Gerechtigkeit. Das Böse kann in seiner Wurzel dann so verstanden werden, dass es die Entwicklung des Guten nicht betreibt, dafür stehen die Laster, und dass es seinen Einfluss soweit treibt, das Menschen direkt geschädigt werden. Die Schädigung kann bewusst angezielt werden, was bis zu Mobbing und Völkermord gehen kann. Schädigung auf Grund der Endlichkeit, des Nicht-Sein-Könnens des Kosmos kann auch durch Naturkatastrophen geschehen. Diese wären aber erst dann böse, wenn dahinter eine Intention ausgemacht werden könnte.

Tsunamis und Vulkanausbrüche schädigen, sind aber nicht böse
Wir unterscheiden willentlich herbeigeführtes Böse und Schädigungen durch Naturvorgänge. In einem Universum, das auf Entwicklung und wohl auch auf ein physikalisches Ende angelegt ist, bleibt selbst der Sternenhimmel nicht so, wie er ist. Auch wenn das Erkalten der Sonne erst in Milliarden von Jahren geschehen wird, ist doch die Sonne in ständiger Bewegung. Auch die Erde ist kein statisches Gebilde, sie ist eigentlich ein Feuerklumpen, der nur an der Oberfläche erkaltet ist. Aus dieser Entwicklung heraus speien Vulkane Lava und Asche aus und verursachen Verschiebungen der Erdplatte Tsunmais. Der Mensch erfährt diese Naturereignisse als schädigend. Um sich die lebensmindernde Kraft der Naturvorgänge zu erklären, vermutet er hinter den Katastrophen das Wirken dämonischerMächte. Mit der Vorstellung einer bösen Macht, z.B. des Drachen legt der Mensch in die Naturvorgänge eine Intention, die auf Schädigung des Menschen zielt. Das ist verständlich, verwischt aber den wichtigen Unterschied zu von einem Handelnden gezielt herbeigeführten Schädigungen anderer bzw. zur Unterlassung, z.B. dem anderen Entwicklung zu ermöglichen. Es kommt die Freiheit ins Spiel.

Die Freiheit und das Böse
Auch wenn Hunde Passanten anfallen und sogar Kinder zu Tode beißen, folgen sie nur ihrem Instinkt, z.B. das eigene Revier zu verteidigen. Oder sie sind nicht richtig erzogen, wenn sie Mitglieder des Rudels, nämlich ein Kind, beißen. Sie können für ihr Verhalten nicht angeklagt werden, auch wenn es vom 15. bis zum 18. Jahrhundert in Europa Gerichtsprozesse gegen Tiere gab, die sogar Todesurteile verhängten. Tiere können nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden, auch wenn sie lernen können, Anweisungen z.B. des Hundehalters zu befolgen oder sich dem Befehl des “Herrchens“ auch zu entziehen. Böse kann nur jemand handeln, der auch das Gute erkennen kann. Tiere können aber nur das für sie Nützliche unterscheiden. Denn den Unterschied von Gut und Böse kann nur ein Lebewesen entdecken, das sich von seinen Antrieben und auch von den Zwängen der Umgebung distanzieren kann. Das tun wir im Alltag in der Regel nicht, die meisten Handlungsmuster sind eingeschliffen und wir tun das, was uns angemessen erscheint. Aber es gibt in Entscheidungssituationen die Fähigkeit, die Alternativen vor sich hin zu stellen und abzuwägen. Oft geschieht das auch erst nachher, z.B. wenn ich knapp einem Unfall entgangen bin. Obwohl ich zu risikoreich gefahren bin, ist es noch einmal gut gegangen, weil der andere früh genug gebremst hat. Das kann mich für die nächsten Wochen dazu bringen, weniger risikoreich zu fahren.

Das Gute zu wählen oder sich oder dem anderen Schaden zuzufügen, das setzt Freiheit voraus. Dadurch kommt der Gedanke auf, die Freiheit sei die Ursache des Bösen. Dass das ein denkerischer Kurzschluss ist, lässt sich allein daran aufzeigen, dass ohne die Freiheit der Mensch nicht fähig zum Guten wäre. Freiheit ist gerade die Befähigung, das Gute für andere und für sich zu verwirklichen, sie ist nicht Ursache des Bösen, sondern dazu da, das Zusammenleben, Geschichte zu gestalten. Wer böse handelt, ist meist Opfer seiner Laster bzw. seiner Gefühle.

Wenn das Böse dadurch möglich wird, dass es etwas gibt, das auch nicht sein könnte, dann zeigt sich das auch an der Freiheit. Sie kann etwas wählen, das lebensmindernd, vernichtend wirkt. Sie selbst ist aber nicht die Ursache des Bösen, sondern unterliegt auch der Gefährdung alles Endlichen. Die Wurzel des Bösen ist das Begehren, aus dem neid und Missgunst folgen.

Zusammenfassung
Das Böse wird erst möglich, wenn etwas, das ist und sich entwickeln soll, an seiner Entwicklung gehemmt und sogar in seiner Existenz ausgelöscht werden kann. Das Böse liegt als Möglichkeit in der Schöpfung, denn wenn etwas nicht sein kann, jedoch zu Wachstum und Vollendung hin angelegt ist, kann das Gute verhindert und ein Existierendes sogar vernichtet werden. Das Böse hat deshalb sogar noch mehr Spielraum, weil die Welt und vor allem der Mensch auf Entwicklung hin angelegt ist. Es kann daher nicht nur seine Existenz bedroht und ausgelöscht, sondern auch seine Entwicklung in böser Absicht oder durch eigene oder fremde Laster behindert werden. Mit der Schöpfung schafft Gott die Möglichkeit des Bösen. Da er selbst nicht durch Nicht-Sein-Können bedroht ist, bleibt das Böse außerhalb von Gott.

Deshalb ist es kein logischer Widerspruch, dass Gott nur das Gute wollen und trotzdem das Böse zulassen kann. Weil er aus sich heraus notwendig ist, da er sich vom Endlichen gerade dadurch unterscheidet, dass er nicht „nicht“ sein kann, hat er mit der Schöpfung die Möglichkeit für das Böse mit geschaffen, aber er will es nicht, sondern das Gute. Deshalb besagen die Religionen, vor allem Judentum, Christentum und Islam, dass Gott seine Schöpfung zu einem guten Ende führen wird. Das Weltgericht ist der letzte Punkt, an dem alles von Gott auf die Vollendung hin gelenkt wird, denn die ganze Schöpfung seufzt diesem Ziel entgegen. S. Zitat unten

Welchen Sinn das Böse im Gesamt der Weltgeschichte macht, ist uns verborgen. Es gibt allerdings in den Religionen angelegte Strategien, mit dem Bösen zurecht zu kommen und es auch für den eigenen Verantwortungsbereich zurückzudrängen.

„Die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes. Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat; aber zugleich gab er ihr Hoffnung: Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Aber auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden. Denn wir sind gerettet, doch in der Hoffnung. Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung. Wie kann man auf etwas hoffen, das man sieht? Hoffen wir aber auf das, was wir nicht sehen, dann harren wir aus in Geduld“
Paulus im Brief an die römische Christengemeinde 8,19-25

 

Eckhard Bieger S.J.




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