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Das Böse - der Brudermord

Brudermord als Erklärung des Bösen
Jede Woche stellt das Fernsehen in ständig neuen Variationen den Mord dar. Der Krimi ist das Fernsehformat, das am sichersten Zuschauer vor dem Bildschirm versammelt. Der Krimi stellt die entscheidende Frage nach dem Bösen, nämlich warum der Mensch nicht nur entsprechend den natürlichen Abläufen sterben muss, sondern andere aktiv umbringt. Der Tod als Akt nicht der Natur, sondern des Menschen, gehört zur menschlichen Situation außerhalb des Paradieses, „jenseits von Eden“. Genau das steht bereits auf den ersten Seiten der Bibel. Auf die Verführung durch die Schlange folgt direkt der Brudermord, der übrigens auch von den Stadtgründern Roms berichtet wird, Romulus bringt seinen Bruder Remulus um.

Es ist die Situation, bevor eine erste Rechtsordnung etabliert ist. Ohne ein kulturelles Gerüst ist der Mensch nicht so sehr der Gefahr ausgesetzt, von wilden Tieren zerrissen, sondern von seinem Bruder umgebracht zu werden. In den mythischen Erzählungen, ob von Kain und Abel oder von Romulus und Remus, wird eine Ursprungserfahrung weitergegeben, die sich täglich neu reproduziert. Die Bibel erzählt lakonisch:
„Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain. Da sagte sie: Ich habe einen Mann vom Herrn erworben. Sie gebar ein zweites Mal, nämlich Abel, seinen Bruder. Abel wurde Schafhirt und Kain Ackerbauer. Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar; auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß und sein Blick senkte sich. Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick?"
Genesis, Kap. 4,1-6

Es geht nicht nur um den Gegensatz von Hirten und Bauern, wie er sich auch in vielen amerikanischen Western zwischen Viehzüchtern und Ackerbauern wiederholt, sondern noch tiefer darum, wer das größere Lebensglück erringt. Es geht Kain nämlich darum, ob sein Lebensopfer angenommen wird, d.h. für jeden Menschen heute, ob er sich im Vergleich zu anderen „glücklich schätzen“ kann. Da die meisten ihr Lebensglück nicht nur im beruflichen Erfolg, sondern auch von menschlichen Beziehungen erwarten, kommt es zu Morden gerade aus verschmähter Liebe. 

Kain und Abel sind nur Gestalten, die wiedergeben, was täglich neu erlebt wird. Das Glück, der Erfolg des anderen fährt wie ein Blitz in das innerste Empfinden des anderen. In der Bibel heißt es: „Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick?“ Weil es uns im Letzten um das Gelingen unseres Lebens geht, kommt aus der Rivalität nicht nur schlechtes Gefühl, sondern Mord. Der andere wird zum Rivalen meines Lebensglücks. Das Glück des anderen scheint mir mein Lebensglück zu nehmen. Weil der andere glücklich ist, scheint mir das Glück verwehrt. Damit mir das Glück zugeteilt wird, muss ich den Rivalen aus dem Weg räumen. Wenn er nicht mehr da ist, finde ich Platz für mein Glück. Der Ausweg besteht nur im Verzicht auf Nachahmung, dass ich nicht das Glück des anderen, sondern meines will, indem ich dem anderen sein Glück lasse. Siehe auch: das böse Begehren.

Die Tötung des Bruders wird bei Romulus und Remus auch durch Rivalität ausgelöst und wird mit etwas Heiligem in Verbindung gebracht. Beide wurden von ihrem Großvater Numitor beauftragt, an der Stelle, an der sie ausgesetzt und von einer Wölfin gefunden worden waren, eine Stadt zu bauen. Romulus und Remus gerieten darüber in Streit, wer Bauherr der Stadt sein sollte. Sie einigten sich darauf, dass es der sein sollte, der die meisten Adler beobachten würde. Jeder von beiden stellte sich auf einen Hügel. Remus zählte 6 Adler und Romulus 12. Daraufhin zog Romulus eine Furche, die die Grenze der Stadt bestimmte und begann mit dem Bau der Stadtmauer. Remus verspottete seinen Bruder dadurch, dass er über die noch niedrige Mauer sprang. Da eine Stadtmauer als heilig galt, war das Überspringen aus kultischen Gründen verboten. Romulus geriet in Zorn und erschlug seinen Bruder mit der Drohung. „Jedem wird es so ergehen, der über meine Mauern springt!“

In dieser Erzählung klingt auch das Motiv an, dass der eine Hirte ist, der andere sesshaft wird, denn die Zwillinge werden als Hirten beschrieben, die mit anderen im Kampf um Weideplätze stehen. Romulus baut eine Mauer, für den Hirten Remulus ist eine Mauer, die Romulus baut, hinderlich.

Eckhard Bieger S.J.


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