Medien und Öffentlichkeit

Schweigespirale

Wechselverhältnis von direkter und Medien - Kommunikation

Der Prozeß der öffentlichen Meinungsbildung wird durch den kommunikativen Einsatz der Beteiligten vorangetrieben. Die Meinungsbildungsprozesse spielen sich einmal auf der Bühne der Medien ab, zum anderen in den Köpfen und Herzen der einzelnen, indem diese sich der einen oder anderen Position mehr zuneigen. Diese Meinungsbildungsprozesse verlaufen jedoch nicht nach naturwissenschaftlich beschreibbaren Gesetzmäßigkeiten ab, sondern sind in hohem Maße psychologisch bestimmt. Entscheidend ist die Selbsteinschätzung der Beteiligten. Hier gibt es einmal die öffentlichen Foren, auf denen die Vertreter einer Position ihre Argumente mehr oder weniger engagiert vertreten. Die Überzeugungskraft einzelner Sprecher, z.B. nach einem Disput zwischen den Kanzlerkandidaten, wird durch Umfragen erhoben. Es findet aber auch im direkten Gespräch ein Meinungsbildungsprozeß statt. In diesen direkten Gesprächen erfahren die einzelnen, ob die Meinungsposition ihrer Partei, ihrer Kirche, ihres Verbandes bei anderen auf Zustimmung, Reserviertheit oder Ablehnung trifft. Wenn die einzelnen Ablehnung für die Position ihrer Partei, ihrer Kirche nur vermuten, werden sie eher schweigen als den Dissens mit ihren Bekannten und Arbeitskollegen zu riskieren. Sie geben sich im Bekanntenkreis nicht als Anhänger einer Meinung bzw. einer Partei zu erkennen, wenn sie vermuten, daß diese Partei, dieser Verband auf wenig Zustimmung oder sogar Ablehnung stößt. Elisabeth Noelle-Neumann spricht von einer Schweigespirale, die durch die Einschätzung der Erfolgsaussichten in Gang gesetzt wird. Fühlt z.B. eine Partei wachsenden Zuspruch, treten ihre Mitglieder und Anhänger offensiver in der direkten Kommunikation auf. Spüren Anhänger einer Partei oder einer Kirche zurückgehende Unterstützung, werden sie weniger offensiv auftreten oder sogar schweigen. Dieses Verhalten ist nicht von der Größe, z.B. vom Prozentsatz der Wählerstimmen, abhängig, sondern nur von der Einschätzung, ob man mehr oder weniger Stimmen zu erwarten hat.
Die Spirale kommt so zustande, daß Zurückhaltung beim Vertreten der eigenen Position den Vertretern der anderen Positionen größeren Raum in der Öffentlichkeit freigibt, während die eigenen Position immer weniger genannt wird. Sie verliert damit ihre Präsenz im Bewußtsein der Zuhörer. Die in Bezug auf eine Wahl noch Unentschiedenen werden weniger erreicht. Dadurch verliert eine Partei, eine Gewerkschaft, eine Kirche an Zustimmung. Erst wenn die eigenen Positionen wieder offensiver vertreten werden, kann eine Gruppe, ein Verband, eine Partei aus dem Abwärtstrend der Schweigespirale heraustreten.
Wenn die aktiven Mitglieder einer Partei, einer Kirche, eines Verbandes davon ausgehen, daß sie in der Öffentlichkeit für ihre Positionen weniger Gehör finden, dann haben sie sich bereits in die Schweigespirale begeben. Sie werden sich dann auch nicht öffentlich exponieren, weil sie davon ausgehen, daß sie sich damit nur Mißerfolge einhandeln. Sie werden nicht aktiv und können sich sogar dafür bestätigt fühlen. Die mangelnde öffentliche Aktivität bewirkt das, was erwartet wurde: Die eigne Partei, Gewerkschaft, Kirche kommt in der Öffentlichkeit immer weniger vor und wenn, dann mit Skandalen. Die Skandale in den Vordergrund zu stellen, ist aber die zu erwartnede Reaktion der Journalisten auf die Institution, die sich der Öffentlichkeit entzieht.
Literaturhinweis: Elisabeth Noelle-Neumann, Die Schweigespirale, Öffentliche Meinung – unsere soziale Haut, Wien, Berlin, 1982

Eckhard Bieger

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