Medien und Öffentlichkeit

Mystagogische Bildregie

Die Erschließung der katholischen Messfeier durch Kameraführung und Bildregie

Wenn ein Fernsehteam mit Kameras und Mikrofonen einen Gottesdienst auf den Bildschirm projiziert, bekommt der Zuschauer etwas zu sehen, das nur mittelbar mit dem Geschehen im Kirchenraum zu tun hat. Denn das Geschehen wird zuerst in Großaufnahmen und Totalen, in Zooms und Schwenks auseinandergenommen, um dann wieder neu zusammengesetzt zu werden. Das hängt nicht zuletzt mit der Situation des Zuschauers vor dem Bildschirm zusammen. Wäre er in der Kirche, würde er sich mal auf den Liedtext im Gesangbuch konzentrieren, mal auf den Prediger blicken, seine Augen zum Altar wenden, den Gabengang verfolgen, etwas in den Klingelbeutel werfen und zum Empfang der Kommunion nach vorne gehen. Vor dem Fernsehschirm bewegt sich der Zuschauer nicht. Damit er den Gottesdienst nicht mit einem starren Auge mitverfolgen muß, wird das Geschehen bildlich zerlegt und neu zusammengesetzt. Kann aber der Zuschauer durch all die Technik hindurch das Geschehen als liturgisches verstehen und im Fernsehen einen Gottesdienst intentional mitfeiern oder wird aus dem Geschehen im Kirchenraum ein Film, der ganz andere Akzente setzt und damit aus dem Gottesdienst irgend etwas anderes macht? Damit der Gottesdienst, wie es die Übertragungen aus Rom oft zeigen, nicht zu einer Personenshow wird, indem alle bekannten Persönlichkeiten, die am Gottesdienst teilnehmen, abgefilmt werden, darf die Kontinuität des liturgischen Ablaufs nicht willkürlich unterbrochen werden. Der Zuschauer soll bei der Liturgie bleiben können und nicht immer wieder Menschen anschauen müssen. Vergleichbares geschieht bei kommentierten Gottesdiensten. Der Zuschauer hat sich auf den Einzug oder Gabenbereitung konzentriert und wird durch den Kommentar herausgerissen, weil ihm etwas zum liturgischen Ablauf, zur Bedeutung der Gaben oder das theologischen Verständnis der Eucharistie erläutert wird. Es geht deshalb darum, eine Bildregie zu praktizieren, die dem Zuschauer die Mitfeier ermöglicht und zugleich das Geschehen so erschließt, daß auch jemand dem Gottesdienst folgen kann, der mit dem Ablauf der Messe nicht so vertraut ist.
Das ZDF hat zusammen mit der Katholischen Fernseharbeit eine Kommentierung entwickelt, die nicht durch einen Kommentator, sondern durch die Kameraführung und die Bildregie geleistet wird. Das überrascht, denn andere Liveprogramme wie ein Fußballspiel oder eine Show kennen einen Kommentator oder Moderator. Was macht den Ritus fernsehfähig, so daß der Zuschauer ohne Kommentar verstehen kann, was er auf dem Bildschirm sieht? Dieses Konzept der Bidlregie ist von den frühchristlichen mystagogischen Katechesen inspiriert.

Prozessionen
Der abendländische Ritus ist eine große Prozession zum Altar und am Ende der Messe eine Entsendung in die Welt zurück, um vom Evangelium Zeugnis zu geben. Innerhalb des Gottesdienstes gibt es dann noch die Evangelien- und die Gabenprozession. Zieht die Altargruppe vom Westportal ein und singt die Gemeinde das in der römischen Liturgie vorgesehene Eingangslied, dann beginnt der Gottesdienst, nach Kniebeuge und Altarkuß, wenn der Zelebrant an seinem Sitz angekommen und das Eingangslied gesungen ist. Wird am Ende der Auszug bis zum Westportal durchgeführt, hat der Gottesdienst einen Rahmen. Die Evangelienprozession macht deutlich, daß jetzt ein wichtiger Text verlesen wird. Wenn der Gabengang in der Mitte des Kirchenraums beginnt, verstehen die Zuschauer, daß der eucharistische Teil des Gottesdienstes mit Brot und Wein zu tun hat. Werden diese Prozessionen durch wechselnde Kameraeinstellung wiedergegeben, kann der Zuschauer der inneren Dramaturgie der Messe folgen.

Der transzendente Bezug des Geschehen
Der christliche Gottesdienst ist auf die Person Jesu Christi bezogen, sein Gedächtnis wird gefeiert. Das Kyrie ist der zentrale Ruf der Eröffnung, durch den Christus als der Herr begrüßt wird. Die Darstellung des Hirten in der Apsis früher Kirchen oder das Kreuz sind die Motive, mit der die Kamera dem Kyriegesang seinen Inhalt gibt.
Die Kirchenräume sind bewußt für die Feier des Gottesdienstes gestaltet worden. Weil der Gottesdienst des Abendlandes die Prozession als Grundform hat, sind die meisten Kirchen nicht als Zentralbau konzipiert, sondern haben ein Langhaus, dem der Chor als zentraler Ort des Geschehens vorgelagert ist. Mystagogische Bildregie läßt den Zuschauer durch den Raum schreiten.
Die Kuppel der romanischen Kirche, das Gewölbe einer gotischen, die Deckengemälde einer Barock-Kirche symbolisieren den Himmel und ermöglichen es durch Kameraführung und Überblendung, eine wichtige Dimension des Gottesdienstes zu erschließen: Die Gemeinde feiert nicht nur für sich, sondern ist mit der himmlischen Liturgie verbunden, denn die eigentliche Liturgie wird im Himmel gefeiert, so wie es im letzten Buch der Bibel, in der Geheimen Offenbarung, zu lesen ist.
Für das Gloria und das Sanctus bieten die Kirchenräume die Möglichkeit, die Verbindung des irdischen Gesangs mit den himmlischen Chören zu zeigen, indem die Kamera die Gewölbe abfährt und Chor und singende Gemeinde überblendet werden. Die Gewölbe und Kuppeln sind die Bildinterpretation der alten Gesänge.
Altarbilder, Skulpturen und andere Bildmotive ermöglichen es, mit der Kamera einzelne Passagen des Gottesdienstes zu interpretieren.

Die innere Dramaturgie der Eucharistiefeier
Wer vor Gott hintritt, wird sich seiner Unwürdigkeit bewußt und erkennt, daß nur Gott ihn aus seiner sündigen Existenz befreien kann. Messe heißt als Ganzes „Wandlung“. Aber wie stellt die Meßfeier die Erlösung dar? Dafür braucht es eine Hinführung. Zuerst begegnen die Gläubigen Christus im Wort, denn die Zusage der Vergebung im Eröffnungsteil können die Mitfeiernden nicht so einfach mit vollziehen. Jeder kommt aus einer Woche voller Konflikte und Enttäuschungen. Kann Gott mich davon befreien, daß ich ständig an mir selbst scheitere? Vom Wirken Gottes in Ihrem Leben haben die zum Gottesdienst Versammelten wenig gespürt. Das zeigt die Aufgabe der Predigt, denn durch die biblischen Texte und ihre Auslegung in der Predigt sollen die einzelnen nicht bloß deren ursprünglichen Sinn erkennen, um zu wissen, wie die Texte richtig zu interpretieren sind. Jede Woche, ja jeden Tag muß der Christ neu lernen, wie Gott auf krummen Zeilen gerade schreibt und auf seinen Wegen das Werk der Erlösung vollbringt. Erst dann ist der Teilnehmer am Gottesdienst innerlich disponiert, das Hochgebet mitzuvollziehen, um dann Christus in der Kommunion zu begegnen. Die Fernsehdramaturgie zeigt ganz deutlich, daß nicht die Wandlung der Höhepunkt ist, sondern daß die Dramaturgie eines Gottesdienstes auf die persönliche Begegnung mit Christus hinläuft. An der Begegnung mit Christus kann der Zuschauer auch teilnehmen, wenn Kommunionhelfer seiner Heimatgemeinde ihm am Sonntag nach dem Gottesdienst die Kommunion bringen. Die Fernsehübertragung behilft sich mit einer Meditation, die Bildmotive des Kirchenraumes einbezieht und zu einer Begegnung mit dem Auferstandenen einlädt, die Kommunionmeditation.

Einbeziehung des Zuschauers in die Feier
Für die von Wolfgang Fischer und anderen entwickelte „Mystagogische Bildregie“ ist noch etwas bedeutsam: Damit die Zuschauer den Gottesdienst mitfeiern können und sich nicht als Voyeure fühlen, die wie durch ein Schlüsselloch dem Geschehen folgen müssen, werden sie am Anfang als Gäste angesprochen, bei Lesungen und der Predigt durch Blick in die Kamera einbezogen. In den Fürbitten werden ihre Anliegen aufgegriffen und in der Kommunionmeditation wird ihnen eine Begegnung mit Christus eröffnet, die der Idee der geistlichen Kommunion nachgebildet ist.
Schließlich gehört die telefonische Erreichbarkeit der Gemeinde nach der Übertragung zum Konzept einer Fernsehmystagogie, die den Zuschauer nicht als Außenstehenden behandelt, sondern einbezieht.
Eckhard Bieger

Literatur:
Bieger, Eckhard, Religiöse Rede im Fernsehen, Köln 1995, S. 219ff
Bieger, Eckhard ,Norbert Blome, Heinz Heckwolf (Hrsg), Schnittpunkte zwischen Himmel und Erde, Kirche als Erfahrungsraum des Glaubens, Kevelaer 1998
Gilles, Beate, Durch das Auge der Kamera, Eine liturgie-theologische Untersuchung zur Übertragung von Gottesdiensten im Fernsehen, Münster, Reihe: Ästhetik - Theologie – Liturgik, Bd. 16, 2001
Ohly, Friedrich Die Kathedrale als Zeitenraum. Zum Dom von Siena; in:
Frühmittelalterliche Studien, [FMSt 6, 1972, S. 94-158].
Die Ergebnisse vieler Arbeitsgespräche zur Bildregie bei Gottesdienstübertragungen sind von Helmut Büsse in die Leitlinien für Gottesdienstübertragungen:
Gottesdienstübertragungen in Hörfunk und Fernsehen, Leitlinien und Empfehlungen 2002, Hrsg. Vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz in Zusammenarbeit mit den Liturgischen Instituten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, Nr. 4.9,S. 97-12

Die liturgietheologische Diskussion der achtziger Jahre findet sich im Liturgischen Jahrbuch, abschließend: Michael Böhnke, Welche Art von Teilnahme ist einem Zuschauer einer Fernsehübertragung von Gottesdiensten möglich? LJ 37/1987/S.5-16

Informationen zu den Gottesdienstübertragungen im ZDF

© www.kath.de

 

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