Medien und Öffentlichkeit

Das Internet im Medienvergleich

Verdrängt das Internet die klassischen Medien?

In der Kommunikationswissenschaft gilt die Prämisse, daß neue Medien die alten nicht verdrängen, sondern ergänzen. So waren anfängliche Befürchtungen, das Fernsehen würde den Bestand der Zeitungen gefährden, unbegründet. Vielmehr führte das Fernsehen zu einer Zunahme der Zeitungslektüre. In Italien, einem Land mit geringer Zeitungsdichte, war dieser Effekt besonders zu beobachten. Die Fernsehzuschauer werden durch die Abendnanchrichten mit Informationen versorgt, die sie am nächsten Morgen in der Zeitung genauer studieren wollen. Kann man das auch vom Internet sagen? Ist das Medium nicht dabei, alle bisherigen Medien in ihrem Bestand zu gefährden? Ausgenommen scheint nur das Buch zu sein, aber zumindest stellt das Internet für den traditionellen Buchhandel eine wachsende Konkurrenz dar. Was ist das Neue des Internets, das die anderen Medien dazu zwingt, das Internet nicht nur zu beobachten, sondern als Medium in der Form von Onlineausgaben einer Zeitung, Download von Filmen und Fernsehserien, Radio- und Fernsehempfang in das Vertriebskonzept einzubeziehen?

Medientypische Formate
Bisher bestimmte die materielle Basis eines Mediums seine Verbreitung und die damit gegebenen Formen der Darstellung. Die Zeitung wird auf Papier gedruckt. Damit ist alles, was die Zeitung darstellt, an die Fläche gebunden. Schrift und Grafik ermöglichen es, in diesem Medium Zusammenhänge darzustellen. Anders das Kino. Es projiziert Handlungsabläufe auf die Leinwand. Das Radio ist an den Lautsprecher gebunden, es vermittelt, was hörbar ist, und ist daher zu einem Musikmedium geworden. Das Fernsehen hat gegenüber der Kinoleinwand die Möglichkeit, den Bildschirm live zu bespielen, d.h. Talk, Nachrichten, Shows und verschiedene Formen der Übertragung, vom Sportwettkampf bis zum Gottesdienst, geben dem Medium ein breites Spektrum von Formaten. Alle diese Medienangebote, Radio- und Fernsehen wie auch Lexika, können inzwischen genauso gut oder sogar besser durch das Internet zugänglich gemacht werden. Zwar kann die Zeitung in ihrer Druckausgabe eine größere Fläche gestalten als sie der Bildschirm für die Onlineausgabe hergibt, aber der Nachteil der Lektüre des Gedruckten am Bildschirm wird durch die besseren Suchfunktionen des Netzes aufgewogen. Zudem stehen dem Internetnutzer auf dem gleichen Bildschirm viele Zeitungen zur Verfügung, so daß er sich zu einem Thema umfassender informieren kann. Gravierender für die gedruckte Zeitung istjedoch die Konkurrenz des Internets für die sog. Rubrikanzeigen – Stellenmarkt, Gebrauchtwagen, Mietwohnungen, Immobilien. Hier trifft das Internet den wirtschaftlichen Nerv, denn die Rubrikanzeigen und nicht der Abopreis sind das wirtschaftliche Rückgrat der Zeitungsverlage. Das Internet ist der Zeitung eindeutig überlegen, denn mit seinen Suchfunktionen bietet es den Nutzern große Vorteile. Sie müssen sehr viel weniger Wohnungsangebote vergleichen, weil sie ihre Wünsche stärker eingrenzen können. Zudem ermöglicht das Internet die Wohnungssuche in jeder Region Deutschlands, ohne daß man sich die örtliche Zeitung mühsam besorgen muß.
Das Internet ist durch die Digitalisierung in der Lage, alle bisherigen Formate der Zeitung, der Werbung, des Radios, des Fernsehens zu transportieren. Es hat auch eigene Formate entwickelt. Was im Radio und Fernsehen in nur wenigen Talkrunden vermittelt wird, kann das Internet kleinsten Gruppen in beliebiger Vielzahl bieten, der direkte Austausch in einer Gesprächsrunde. Was die Zeitung als Leserbriefspalte anbietet, kann das Internet sehr viel besser mit einem Forum. Im Internet fortgeschriebene Tagebücher sind als Weblogs einfach zu handhaben und können jedem Interessenten zugänglich gemacht werden.
Durch die Digitalisierung bestimmt das Internet als Trägermedium nicht mehr in der bisher bekannten Weise die Darstellungsform. Damit wird das Internet zu einem universelleren Medium als alle bisher bekannten, es bietet sogar mehr Funktionen als Zeitung, Radio und Fernsehen zusammengenommen. Diese größere Breite birgt die Gefahr, daß das Internet wegen der zu großen Zahl der Angebote nicht mehr handhabbar bleibt. Doch auch hier bietet die digitale Technik einen Ausweg:

Die Suchfunktion
Der Katalog einer Bibliothek war bereits die organisatorische Bewältigung des Problems, wie man aus der nicht mehr überschaubaren Zahl der Titel den gesuchten findet. Allerdings ist der Katalog einer Bibliothek an den Autoren orientiert, nicht an den Inhalten der Bücher. Ganz anders das Internet. Es antwortet auf Themenanfragen, die Suchmaschinen sind damit zu einem Rechercheinstrument geworden, zu einzelnen Themen die Autoren zu finden, die sich mit einer Frage beschäftigt haben.
Die Suche ist immer weniger auf das begrenzt, was im Internet selbst gespeichert ist, Bibliotheken werden über ihre Kataloge zugänglich, aber auch die digital gespeicherten Zeitschriften und Bücher. Hinzu kommen Filmbibliotheken, die über das Internet abgerufen werden können. Denn es können nicht nur die Titel gefunden, sondern auch heruntergeladen werden. Zunehmend werden Fernsehprogramme nicht nur live, sondern auch gespeichert über das Netz abrufbar. Das zeigt eine weitere Funktion des Mediums:

Die klassischen Medien sind über das Netz näher zusammengerückt
Das Internet ermöglicht einen Medienverbund, der es dem Nutzer erlaubt, auf demselben Bildschirm Zeitung zu lesen, über eine Suchmaschine einzelne Themen nachzufragen, Filmtitel und Musik herunterzuladen. Das Internet läßt die Medien näher zusammenzurücken.

Ist das Internet ein Massenmedium?
Vergleicht man das Internet mit dem Fernsehen oder der Zeitung, lassen sich auch Nutzungszahlen erheben. So verbringen inzwischen die Bundesbürger mehr Zeit mit der Nutzung des Internets als mit der Zeitungslektüre. Aber das Internet ist nicht so angelegt wie das Fernsehen, das mit einer Sendung möglichst viel Zuschauer in einer bestimmten Zeitstrecke erreichen will. Zwar will das Internet auch eine hohe Reichweite erzielen, aber das mit einer Vielzahl von Angeboten. Die Stärke des Mediums sind die kleinen Nutzergruppen. (kommunikative Funktionen des Internets) Im Vergleich mit der Vielzahl von Fachzeitschriften für jedes Themengebiet kann das Internet noch kleinere Gruppen betreuen und diesen darüber hinaus direkte Kommunikation mit Chat und Foren bieten. Das wird auch Rückwirkungen auf das Fernsehen haben, denn das Internet ermöglicht das zeitversetzte Anschauen einer Sendung. Es wird sich also nicht mehr eine mehr oder weniger große Zuschauerzahl um einen Fernsehsendung scharen, sondern die Sendungen werden zunehmend individuell abgerufen. Zudem ermöglicht die Digitalisierung eine starke Vermehrung der Verbreitungswege über Kabel und Satellit und sogar auch über die terrestrischen Antennen. Die Entwicklung wird wohl dahin gehen, daß sich immer kleinere Gruppen zu einem bestimmten Programm versammeln. Nur Großereignisse wie ein Sportwettkampf, eine Wahl oder ein Papstbesuch werden noch viele Zuschauer am Bildschirm zur gleichen Zeit erreichen.
Für die Weiterbildung bietet das Internet sehr viele Möglichkeiten, die auch diesen Bereich verändern werden: Internet und Weiterbildung

Eckhard Bieger in Zusammenarbeit mit Michael Belzer, Stefan Kemmerling, Manfred Lay, Jürgen Pelzer

© www.kath.de

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