Medien und Öffentlichkeit

Medien&Öffentlichkeit

Fernsehen im Internet

Das Internet, bisher ein Text- und Bildmedium, nutzt wie das Fernsehen den Bildschirm. Irgendwann wird der Surfer nicht mehr das Fernsehgerät einschalten, um sich eine Sendung anzusehen – nämlich wenn er das gleiche Programm aus dem weltweiten, auf die verschiedenen Server verteilten Archiv von Film- und Fernsehprogrammen abrufen kann. Zwar wird er Filme und aufwändige Shows am großen Bildschirm im Wohnzimmer verfolgen, Nachrichten, Wetterbericht auf dem Bildschirm am Arbeitsplatz, aber er wird sich nicht mehr am bisher das Fernsehen steuernde Sendeschema orientieren. Die schnelle Datenübertragung, ermöglich durch die DSL-Technik, macht Fernsehprogramme über das Telefonkabel zugänglich. Es werden damit die Kommunikationsmuster auch für das Fernsehen wirksam, die das Internet allgemein durchsetzt.

Abschied vom Programmschema
Nicht mehr der Programmanbieter bestimmt, was um welche Tageszeit gelesen, gesehen werden kann, vielmehr ruft der Nutzer das Programm ab, das er lesen, sehen will, z.B. irgendwann am Abend die Nachrichtensendung oder eine Folge aus einer Fernsehserie. Das war früher anders. Da bestimmte Fernsehen sehr viel mehr den Tagesablauf. Denn Fernsehen war ursprünglich eine Beschäftigung, der man in einer zeitlich berechenbar strukturierten Freizeit nachging. Das ist darin begründet, dass Fernsehen dann Aufmerksamkeit gewinnen kann, wenn die Menschen beruflich nicht mehr eingespannt sind. Das war in den Zeiten noch einfach, als man am Nachmittag mit der Arbeit fertig war und seine Zeit dann dem Fernsehen widmen konnte. Durch die Flexibilisierung der Arbeit wie der privat organisierten Zeit gelingt es dem Fernsehen nicht mehr, wie noch in den achtziger Jahren, Menschen regelmäßig zu bestimmten Zeiten vor dem Gerät zu versammeln. In der einen Woche ist der einzelne frei, die Serienfolge zu sehen, in der anderen Woche hat er etwas vor. Je jünger die Zielgruppe, desto weniger ist sie für das Fernsehen erreichbar. Anders das Fernsehen, das aus einem Programmarchiv abrufbar ist. Das ermöglicht es dem Nutzer, Nachrichten, Berichte, Fernsehspiele wie auch die wöchentliche Soap dann abzurufen, wenn er Zeit hat. Damit wird ein Fernsehsender zu einer Datenbank, auf die die Nutzer dann zugreifen, wenn sie gerade am PC sitzen bzw. in ihrem Wohnzimmer sich über den Internetkanal einen Film gegen Gebühr downloaden oder eine bestimmte Serienfolge aus einem Programmarchiv abrufen. Dafür muss der größere Bildschirm im Wohnzimmer nur mit dem Internet verbunden sein. Das ist nicht mehr das Fernsehen, an das die mittlere und ältere Generation gewohnt sind. Es entspricht aber dem Lebensstil der Postmoderne, seine Zeit nicht mehr zu verplanen, sondern mehr aus dem Stand zu entscheiden, was man tun, was man lesen, sehen, hören will, wenn man treffen möchte.

Die Empfehlungsstruktur des Internets
Die neue Fernsehnutzung ist bereits durch die Amateurvideos auf Youtube vorbereitet. Diese Plattform hat bereits eine ganze Generation darauf programmiert, Videos nicht mehr entsprechend einem starren Sendeschema anzusehen, sondern auf Abruf. Damit wird Youtube durch eine Grundfunktion des Internets unterstützt, nämlich das Nutzer andere auf die Inhalte aufmerksam machen, die sie selbst für interessant ansehen. Diese Empfehlungsfunktion das Besondere wird auch die Nutzung von Fernsehprogrammen verändern. Es wird wenige Sendungen geben, die viele anschauen und viele, die ihre Nutzer suchen müssen, aber dann auch finden. Anders als einzelne Sendungen im Fernsehen, die einmal ausgestrahlt werden und dann nicht mehr greifbar sind, wird das Internet gerade für besondere und anspruchsvolle Sendungen eine Zuschauerschaft versammeln, nicht zur gleichen Stunde, aber dafür über einen längeren Zeitraum.

Das Ende von Pay-TV
Diese Form des Fernsehens basiert auch auf einem Programmschema, das hauptsächlich aus Kinoarchiven und neu produzierten Filmen gespeist wird. Auch das Pay-TV ist nach dem Sendeschema strukturiert. Aber für das Abspielen von Kinofilmen gegen Gebühr ist das Internet viel geeigneter als ein Kanal, der die gleichen Filme zu bestimmten Zeiten nach einem Sendeschema ausstrahlt. Deshalb kann Pay-TV nur als Sportkanal überleben. Die Gebühr für die Kanäle kann der Nutzer sehr viel gezielter für den Download einzelner Filme einsetzen.

Die Finanzierungsbasis der privaten Sender wird unterhöhlt
Das im Internet abrufbare Fernsehen wird zu erheblichen finanziellen Einbußen der werbefinanzierten Programme führen. Der Angriff auf die finanziellen Ressourcen des Fernsehens erfolgt anders als bei den Tageszeitungen, wird aber wie dort zu einem erheblichen Aderlass führen. Die Tageszeitungen haben ihre finanzielle Basis in den Rubrikanzeigen, das Fernsehen in der Markenartikelwerbung. Anders als bei den Rubrikanzeigen sucht der Nutzer, wenn er z.B. eine Fernsehserie verfolgt oder auf den Wetterbericht wartet, keine Vierzimmerwohnung, noch eine offene Stelle, noch einen Gebrauchtwagen. Deshalb muss das Fernsehprogramm so spannend sein oder die Leute müssen die Nachrichtensendung unbedingt sehen wollen, damit sie die Unterbrechung hinnehmen, um sich die Farbkraft eines Shampoos oder die technischen Neuerungen einer Automarke erklären lassen. Denn die Fernsehspots unterbrechen das Programm. Je spannender der Film, je wichtiger die folgende Sendung, je interessierter die Menschen an Wetter- und Sportberichten sind, desto weniger werden sie die Werbung wegschalten. Im Internet gibt es keine Veranlassung, sich Werbung anzuschauen. Man kann sie überspringen, denn man muss nicht auf die Fortsetzung warten, diese wird ja nicht erst ausgestrahlt, sondern ist auf einem Server bereits gespeichert. Wenn die Zuschauer noch dazu übergehen, Serien über einen Internetanbieter herunterzuladen, dann wird es für die Privatsender noch schwieriger. Denn diese verdienen ihr Geld hauptsächlich mit den täglichen und wöchentlichen Serien, die den Alltag ihrer Zuschauer begleiten.
Wie bei den Zeitungen wird auch das Internetfernsehen nicht durch das Internet finanziert, sondern durch das traditionelle Medium. Es sind auch nicht neue Anbieter, die Serien und Fernsehspiele zugänglich machen, sondern die Sender selbst. Wie die Zeitungen müssen sie das Internet bedienen, wollen sie nicht die jungen Zielgruppen verlieren. Erwartungen, dass es Fernsehplattformen gibt, über die man Programme verschiedener Sender ansehen kann, haben sich nicht erfüllt. Wie die Zeitung will auch der Sender mit seiner „Marke“ im Internet präsent sein.

Bewegtbildwerbung im Internet
Das Fernsehen war als Werbemedium deshalb so erfolgreich, weil es nicht statische Werbebotschaften vermittelt, sondern in den Spots Handlungen und manchmal sogar kleine Geschichten zu sehen sind. In der Blütezeit des werbefinanzierten privaten Fernsehens fielen über 40% des gesamten Werbebudgets auf das Fernsehen. Da für das gebührenfinanzierte Fernsehen Werbung nur in sehr begrenztem Umfang erlaubt wurde, 20 Minuten pro Tag je für ARD und ZDF, war das Privatfernsehen in den achtziger und neunziger Jahren ein finanzieller Erfolg. Die strikte Eingrenzung der Werbung in den öffentlich-rechtlichen Programmen hatte vorher dem deutschen Zeitschriftenmarkt einen ungeheuren Aufschwung beschert, denn die Markenartikelindustrie wie die gesamte Konsumwerbung brauchten die Zeitschriften, um ihre Botschaften an den Verbraucher zu bringen. Gerade die Markenartikler und Werbeagenturen drängten auf die Einführung des privaten Fernsehens, weil Beobachtungen des Werbemarktes anderer Länder zeigten, dass sich die Werbeausgaben erhöhen würden, wenn das Fernsehen genügend Zeiten für Werbespots anbietet. Jetzt warten alle, welche Werbeform für das Internet gefunden wird. Bisher zeigt sich noch keine überzeugende Lösung. Ein Kriterium lässt sich auf jeden Fall aufstellen: Je eher der Spot dazu anregt, das Surfer ihn anklicken, desto erfolgreicher für de Werbeagentur.

Die technischen Voraussetzungen
Ein normales Fernsehbild besteht aus 6.5 Millionen Bildpunkten, alle 25 Sekunden ein neues. Damit das Bild nicht flimmert, werden zuerst die ungeraden Zeilen, also die 1., 3., 5. usw. und dann zwischen diese Zeilen diejenigen mit geraden Zahlen projiziert. Das sind Datenmengen, die bisher nur durch ein dickes Kupferkabel geschleust werden konnten. Jedoch braucht ein Fernsehbild nicht jede Sekunde 25x6,5 Millionen Bildpunkte, denn es werden nicht jede Sekunde 25 neue Bilder übertragen, sondern an dem bestehenden Bild ändert sich nur wenig, z.B. wenn ein Nachrichtensprecher vorliest, oder mehr, wenn in einem Film eine Verfolgungsjagd gezeigt wird. Solange die Bilder analog übertragen wurden, gab es keine Möglichkeit, die Datenmenge zu reduzieren. Erst die Digitalisierung macht es möglich, nur noch die Veränderungen zu übertragen, die am Bild entstehen und damit einen weniger breiten Datenkanal zu besetzen. Oder die Pixelzahl wird wie bei einem Foto einfach reduziert, wenn nur ein kleines Bild auf dem Computerbildschirm gebracht werden muss. Werden Bildpunkte herausgerechnet, die sich verändern, dann muss auf der Empfängerseite die gleiche Software aktiv werden, die die veränderten Bildpunkte in das nächste Bild wieder einliest.

Eckhard Bieger

© www.kath.de

Begriff anklicken

Agenda Setting
Aktualität
Diplomtheologen in den Medien
Fernsehen im Internet
Format
Gottesdienste im Fernsehen
Internet - das Besondere des Mediums
Internet - seine kommunikativen Funktionen
Internet im Medienvergleich
Internet und Zeitung
Kommunikationsmuster im Internet
Long Tail
Medienausbildung für Theologen
Medienpastoral
Mystagogische Bildregie
Non-Profit-Marketing
Öffentliche Meinung
Öffentlichkeit
Öffentlichkeit als Prozeß
Öffentlichkeitsarbeit PR
Öffentlichkeitsdilemma
Radio Vatikan
Periodizität
Religiöse Fernsehprogramme
Schweigespirale
Skandal-Berichterstattung
Wertorientierung