Medien und Öffentlichkeit

Medien&Öffentlichkeit

Internet - das Besondere des Mediums

Das Internet hat eigentlich nicht so viel Eigenes. Die Homepage ist nicht mehr als ein Schaukasten. Wikipedia ist keine andere Idee, als das Wissen in Lexika zusammenzustellen. Die Zeitungen veröffentlichen eine Onlineausgabe. Das Forum ist erst mal auch nur eine Leserbriefseite. Diskussionen hat es im Radio und Fernsehen auch schon gegeben, sogar Zuschauer konnten zugeschaltet werden, als es noch kein Internet gab. Auch wenn Musikstücke, Filme und inzwischen Fernsehprogramme über das zu DSL beschleunigte Telefonkabel auf den Bildschirm und in die Lautsprecherboxen gespielt werden – es sind alles Medienformen, Formate, die es vorher schon gab. Es scheint, dass das Neue allein darin besteht, dass das Internet alles auf den gleichen Bildschirm bringt. Dann wäre das Neue technisch zu verstehen: die Digitalisierung zerlegt nicht nur Texte, sondern auch Fotos, Musikstücke, Filmsequenzen in Bits, so dass alles über ein Kabel den Weg auf jeden Bildschirm der Welt findet, der an ein Telefonkabel angeschlossen ist. Dass die Menschen das Internet nutzen, geschieht jedoch nicht aus Begeisterung für digitale Datenübertragung, sondern es sind neue Formen der Kommunikation. Chatten, ein Forum besuchen, sich bestimmte Musikstücke herunterladen, das alles ruht auf dem Vernetzungscharakter des Neuen Mediums auf.

Das Internet ist kein neues Medium, sondern es verändert die Mediennutzung
Zeitung, ob gedruckt oder als Online-Ausgabe, Filme, Fernsehserien und -Nachrichten kommen immer von außen auf den Nutzer zu. Dieser holt sich die Zeitung aus dem Briefkasten, leiht sie sich als DVD aus, verfolgt eine Serie, die auf seinen Fernseher übertragen wird. Es sind immer Angebote, auf die der einzelne zugreift oder nicht. In der Regel erfährt er nicht, was andere mit den gleichen Inhalten machen. Es gibt nur einige Hinweise, so bei Musiktiteln die sog. Charts, die die erfolgreichen Stücke auflisten. Es gibt Film- und Fernsehkritiken und Zeitungen räumen den Lesern für ihre Zuschriften eine Leserbriefseite ein. Das Kino machte früher davon schon eine Ausnahme. Denn die Kinogänger sorgen bis heute durch Mund-zu-Mund-Propaganda dafür, ob der Film ein Erfolg oder ein Flop wird. Das war und ist möglich, weil der Film nicht nur einmal gezeigt wird, sondern mindestens eine Woche lang. Mund-zu-Mund-Propaganda kann daher wirksam werden. Ähnlich hängt der Erfolg eines Buchtitels von der Weiterempfehlung der Leser ab. Dieses Weitempfehlen führt zu Erfolgen, die meist kein professioneller Kritiker vorausgesehen hat. Es gibt Filme, die die Kritik als unbedeutend eingestuft hat, die dann doch über Wochen in den Kinos laufen. Harry Potter ist das markanteste Beispiel im Buchmarkt. Niemand hat den Büchern über den Zauberlehrling einen solchen Erfolg vorausgesagt. Was bisher durch direkte Gespräche ausgelöst wurde, macht das Internet für alle Inhalte möglich. Was bisher nur für das Kino und den Buchmarkt funktionierte, wird zum Prinzip des Neuen Mediums

Das Internet ist das Medium gegenseitiger Empfehlungen durch seine Nutzer
Das Internet ist erst einmal ein riesiges Archiv ohne Archivar. Jeder stellt seine Texte, Nachrichten, Fotos, Videos ins Netz. Anfänglich hat man versucht, durch Kataloge Ordnung in den täglich wachsenden Bestand zu bringen. Wie in einer großen Bibliothek sollte man sich durch den Katalog und dann über die nutzerfreundlich aufgebaute Homepage hindurch bis zu dem Text vortasten, den man sucht. Dann kamen die Surfer. Sie durchstreiften das Netz ziellos, stießen auf interessante Fundstücke. Wenn sie ihre eigene Homepage interessanter machen wollten, verlinkten sie auf die Seiten, die sie für lesenswert hielten. So bildeten sich langsam kleine Inseln im großen Meer des Internets. Yahoo, Lycos und dann Google machten daraus eine Geschäftsidee. Auf welche Seiten viele Links verweisen, die werden bei den Suchmaschinen oben gelistet.
Da immer mehr Menschen im Internet suchen, vor allem die jüngeren Generationen, sind alle, die Gedanken, Börsenkurse, Nachrichten, Seminare, Bücher, Autos, Reisen anbieten wollen, gezwungen, im Internet auffindbar zu sein. So zieht das Netz alle in seinen Einflussbereich.
Von den bisherigen Medien unterscheidet sich das Internet vor allem dadurch, dass es keine Gate-Keeper mehr gibt. Kein „Türsteher“ d.h. kein Lektor kann ein Buchmanuskript ablehnen, kein Redakteur entscheidet mehr darüber, ob ein Bericht über die Karnevalssitzung des Sportvereins, das Zeltlager der Jugendgruppe, den Vortrag des Bildungswerkes „erscheinen“ darf. Seit die Übertragungsgeschwindigkeit des Internets ausreicht, um Bewegtbilder herunterzuladen, kann auch jeder sein Video ins Netz stellen. Daraus entstanden mit Youtube u.a. bereits die ersten Internetsender.
Anders als die Zeitung liefert das Internet nicht täglich eine dosierte Menge Text, die man in etwa 30 Minuten Lesezeit, die die Deutschen durchschnittlich am Tag der Zeitung widmen, verarbeiten könnte. Die Nutzer können das Netz immer weniger „handhaben“, weil das Meer immer größer. Denn es gibt niemand, der wie der Redakteur einer Zeitung die Text- und Bildmengen begrenzt, sondern jeder kann das Meer auffüllen. Das Datenmeer bleibt allerdings nicht sich selbst überlassen, sondern wird laufend durch die Filteranlage der Suchmaschinen geschleust und in immer differenziertere Listen einsortiert. Wenn der Nutzer durch Wortkombinationen nicht bloß allgemeine Fragen z.B. nach „Gottesdienst“, sondern gezielt z.B. nach der „Leseordnung der evangelischen Kirche“ sucht, findet er die Seiten, die seine Frage beantworten, auf den ersten Plätzen der Suchliste. Anders als ein Bibliothekskatalog bieten die Suchmaschinen nicht nur den Zugang über den Namen des Autors, sondern, wie computergestützte Kataloge über Schlagwörter, Teile des Buchtitels und noch viel mehr. Denn Begriffe, die nicht nur im Titel der Seite angezeigt werden, sondern sich in den ersten 15 Zeilen wiederholt finden, dienen als Anker, um die Seiten auf einer Suchliste anzuzeigen.
Wie Bibliotheken beliebig vergrößerbar sind, kann auch das Internet beliebig viele Daten speichern und jedem Nutzer weltweit zugänglich machen. Wahrscheinlich bilden sich, wie bei der Entstehung unserer Erde, Kontinente heraus, nicht geographisch, sondern nach Wissensgebieten und, wie die Kontinente der Erde, nach Völkern geordnet sind. Wahrscheinlich werden sich die Sprachgrenzen erhalten und nur einige der Internet-Gemeinschaften weltweit verzweigt sein, so wie heute die Naturwissenschaften und auch zunehmend die geisteswissenschaftliche Forschung.

Mehr Nutzer werden zu Autoren
Durch die Verlinkungstechnik empfehlen sich die Nutzer gegenseitig Homepages, Musiktitel, Videofilme. Nur weil die Nutzer empfehlen, kommt es zu einem Ranking der Suchmaschinen. Über das Empfehlen hinaus können die Nutzer auch selbst produktiv werden. Technisch ist das kein Problem. Jeder kann Texte, Fotos, Videos ins Netz stellen. Aber das tut nicht jeder, einfach weil man im Büro genug Arbeit hat oder der Haushalt gemacht werden will. Allenfalls die Textproduzenten wie Schüler, Studierende und Wissenschaftler stellen von dem, was sie sowieso erarbeitet haben, etwas ins Netz. Vorher muss die Barriere überwunden werden, etwas in den PC zu tippen. Man muss nicht nur eine Idee haben, etwas erzählen können, sondern auch die Fertigkeit, aus Gedachtem oder Erzähltem einen Text zu machen. Viele haben eine Videokamera, deren Qualität für das Internet ausreicht, aber nur einige bearbeiten ihre Filme, um sie ins Netz zustellen. An Foren, die keine hohen Anforderungen an die Textqualität stellen, ist zu beobachten, dass sehr viel mehr lesen als schreiben. Das Forum my-kath hat etwa bitte Zahl einsetzen Nutzer, nur etwa 300 setzen Beiträge zu Themen in die dafür vorgesehen Felder. Es wird also nicht jeder Nutzer zum Produzenten.
Da das Internet wie jedes andere Medium auf die Dauer von der Qualität lebt, wird es auf gute Beiträge ankommen. Journalisten wie Drehbuchautoren müssen sich an eine neue Konkurrenz gewöhnen. Für die Institutionen, ob Kirchen, Gewerkschaften, Sportvereine wird das Netz aber genauso wie für die klassischen Medien ein Umdenken notwendig machen.

Eckhard Bieger

© www.kath.de

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